Donnerstag, 1. September 2016

An was sollte man glauben?

Zwiefellos ist das eine sehr vielschichtige Frage, die man nur schwerlich umfassend beantworten kann. Der Begriff Glaube deckt sehr viele Bereiche ab und schillert in unterschiedlichsten Facetten. Ich will versuchen, mein Verständnis von Glauben, ein wenig genauer zu definieren.

Zuerst wäre da die Religion. Ich denke, dass wir spontan und im ersten Impuls, den Begriff Glaube mit Religion verknüpfen. Es dürfte wohl auch nicht ohne Grund genauso in unserem kollektiven Gedächtnis gespeichert sein. Die Menschheit wurde schon immer vor allem durch ihren Glauben und die daraus resultierende Religion vorangebracht. Damit sage ich definitiv nicht, dass es auch immer in eine richtige, für die Menschheit förderliche Richtung ging. Andererseits kann ich als Historiker auch sagen, dass große Zivilisationen und Kulturen immer dann zerfallen sind, wenn ihnen der Glaube abhanden kam, Religion korrumpiert und durch Dekadenz ersetzt wurde, sodass am Ende nur eine leere, manipulative Hülle blieb. Wenn Menschen nichts mehr haben, woran sie glauben können, verlieren sie den Halt, die Orientierung und letztlich den Sinn im eigenen Leben.

Nein, keine Sorge, ich plädiere jetzt nicht dafür, sonntags wieder regelmäßig in die Kirche zu rennen oder in die Moschee. Wobei ... letzteres für deren Gläubige kein so großes Problem zu sein scheint, wie für die Menschen des eigentlich christlich geprägten Abendlands ...
Mancher wird jetzt sagen: "Ich hab mit Glauben nix am Hut" und er meint, dass er mit Religion nix am Hut hat. Das ist angesichts der heutigen Auswüchse (um nicht zu sagen Pervertierungen) der diversen großen Weltreligionen absolut nachzuvollziehen. Mit Pervertierungen meine ich wirklich so ziemlich alle Weltreligionen. Man muss nicht mit dem Finger auf den Islam zeigen, wenn katholische Priester Kinder missbrauchen, oder streng gläubige Juden Araber im eigenen Land unterdrücken und in Lebensumstände zwingen, die an das Warschauer Ghetto erinnern ... Ich finde, jede dieser Religionen sollte sich an die eigene Nase packen. Wer mit einem Finger auf andere zeigt, der zeigt mit drei Fingern auf sich selbst - probiert´s mal aus ...

Ich denke, dass jeder Einzelne von uns zu allererst an sich selbst glauben sollte, an seine Einzigartigkeit, seine Gaben, Fähigkeiten und seine Herzenswärme, Eigenschaften, die letztlich doch jedem Menschen in die Wiege gelegt worden sind.
Im nächsten Schritt sollte jeder an das glauben, was er um sich herum in nächster Nähe spürt, wahrnimmt und was ihm seine Intuition sagt. Man muss keiner Religion folgen, um Empathie zum Teil des eigenen Handelns und Denkens werden zu lassen. Man braucht auch keine dogmatische Religion, um an das höchste Gut zu glauben, das uns die Kraft mitgegeben hat, die uns erschuf. Was ist dieses höchste Gut? Nun, in meinen Augen ist es das Leben selbst. Genau an dieses Leben sollten wir alle glauben und jeder Einzelne von uns sollte sich in seinem Umfeld und mit seinen Möglichkeiten für das Leben einsetzen.

Was bedeutet das?
Leben ist vielfältig und beginnt in der Pflanzenwelt, erstreckt sich dann auf die Tierwelt und damit auch auf die Menschen selbst. Glaubt man an den Wert des Lebens so richtet man seine Handlungen so aus, das kein Lebewesen im eigenen Umfeld würdelos vegetieren und leiden muss. Das wiederum beziehe ich auf alle drei o.a. Lebensformen. Die Natur und Pflanzenwelt sollte man mit Respekt und Würde behandeln, anstatt sie auszubeuten, zu vergiften oder gleich ganz zu vernichten. Den Tieren, egal ob domestiziert oder wild lebend sollte kein von Menschen verursachtes Leid widerfahren. Unsere Mitmenschen sollten wir mit Respekt behandeln und ihnen ihre Würde lassen, egal ob wir sie nun besonders mögen oder nicht. Zweifellos müssen und können wir nicht mit jedem gut Freund sein, aber ein gewisses Level an Achtung und Toleranz für die Individualität des Anderen sollten wir nicht unterschreiten.

Ich habe oben geschrieben, dass alle großen Kulturen mit dem Zerfall ihrer Religion untergangen sind. Das ist zwar eine Tatsache, aber die Schlussfolgerung lautet nur, dass sie untergegangen sind, weil sie ihren Glauben verloren haben. Es liegt nicht an der Dogmatischen Religion, wenn eine Kultur verschwindet, es liegt am mangelnden Glauben. Für unsere Epoche ziehe ich den Schluss, dass es essentiell ist, erst einmal bei den Basics anzusetzen. Glauben wir an den Wert des Lebens und integrieren diesen Glauben in unseren Alltag, hat unsere Epoche eine Chance. Wird der Glaube an das Leben zu unserem Leitfaden, handeln wir automatisch in Empathie und Herzenswärme gegenüber allen Geschöpfen auf unserem Planeten, logischerweise auch gegenüber unseren Mitmenschen. Ich denke gerade an Letzterem mangelt es gewaltig.

Auf dem Foto seht ihr unsere Sternchen Coco und Diana, deren Leben daran hing, dass meine Frau Karin und ich wirklich unerschütterlich an das Leben glaubten und immer noch glauben. Es gab kaum jemanden, der diese unsere Einstellung teilte, außer unserem Neurologen, dessen Arbeit ebenso vom Glauben an das Leben und enorme Fachkompetenz geprägt war und heute noch ist. Nicht nur in diesem Fall konnten wir durch die Kraft unseres Glaubens, unzähligen geschundenen Kreaturen ein würdiges und artgerechtes Leben ermöglichen. Als ich diesen Bauernhof vor über 20 Jahren gekauft habe, nannte ich ihn Quinta Eanna. Quinta steht im Portugiesischen für Bauernhof. Eanna wiederum ist ein uraltes Wort aus dem Zweistromland, der Wiege der Menschheit und bedeutet, Haus des Himmels. Genau das haben wir hier geschaffen, durch einen unerschüttelichen Glauben und so ganz ohne dogmatische Religion ...


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