Mittwoch, 14. September 2016

Schlagwort Nachhaltigkeit

Der Begriff der Nachhaltigkeit ist ja heutzutage in aller Munde. Bisweilen habe ich den Eindruck, dass er zu einer leeren Worthülse verkommen ist, die dazu dient, dass verschiedene Interessengruppen und politische Strömungen ihn sich um die Ohren hauen.
Umso wundersamer ist es, dass die Zahl der Menschen, die in den diversen Bereichen auf Nachhaltigkeit Wert legen, nach wie vor sehr gering ist. Ob es sich um soziale Gerechtigkeit handelt, ökologisch vertretbaren Umgang mit Ressourcen, Generationengerechtigkeit oder eines der vielen anderen Themen, auf die der Begriff angewendet werden kann, man spricht darüber, ja man fordert es sogar ein, verhält sich selbst jedoch genau gegenteilig, in seinen persönlichen Gewohnheiten.

Es klafft eine tiefe Kluft zwischen der Empörung über Kinderarbeit in Indien, Bangladesh oder anderen Ländern der 3. Welt und den eigenen Einkaufsgewohnheiten. Es ist in meinen Augen absurd, sich voller Empörung Dokumentationen über ausgebeutete Kinder und verarmte Familien in Slums anzusehen und dann am nächsten Tag bei KiK, Primark oder sonstwo billigste Kleidung einzukaufen. Genauso absurd ist es, im Ökopulli zum Bioladen zu rennen, dort angebliche FairTrade Produkte zu kaufen (ohne wirklich zu wissen, welche Ausbeutung dahintersteckt) und der Gatte fährt im Porsche, Audi Q7 oder sonstigem SUV zu seinem Managerjob, wobei er bedenkenlos die Umwelt mit einem unnötigen Statussymbol vergiftet, logisch, dass der sich kein E-Auto kauft. Logisch auch, dass man die Grünen wählt, einfach schon, um sich ein gutes Gewissen zu besorgen, weil man ja zu gut verdienenden Mittelschicht gehört, denn nur die kann sich die gesalzenen Preise im Bioladen samt dem SUV überhaupt leisten.

Warum schreibe ich das???

Nun, mein Tätigkeitsfeld ist seit 20 Jahren der Natur- und Tierschutz, wie die Meisten meiner Leser ja wissen. Ich behaupte von unserem Projekt, dass wir sehr konsequent nachhaltig arbeiten. Für uns bedeutet es, gem. der ursprünglichen Definition "den nach langfristig angelegten, verantwortungsbewussten Umgang mit dem Objekt der eigenen Tätigkeit".  Zweifellos ist die eine etwas sperrige Definition, aber sie trifft den Kern. Nun müsste man meinen, dass gerade im Bereich Natur- und Tierschutz die Nachhaltigkeit eine Selbstverständlichkeit ist, weil es ansonsten ja keinen Sinn machen würde. Leider habe ich in den letzten 20 Jahren zahllose andere Erfahrungen machen müssen, insbesondere im Bereich Tierschutz. Aber auch da sollte man die Schuld nicht primär bei denen suchen, die sich um Tiere kümmern, sondern bei den "Verbrauchern", wobei dieser Begriff eher durch das Wort "Unterstützer/Spender" ersetzt werden müsste, denn das o.a. Objekt der Tätigkeit sind ja Lebewesen. Speziell im Tierschutz haben sich die meisten Organisationen dem "Markt" angepasst und ihre Arbeit auf Maximierung der Gewinne = "Spenden" ausgelegt, anstatt auf Optimierung und Nachhaltigkeit in der Hilfe für Tiere, meist Hunde, Katzen und Pferde.

Letztlich rührt es aus dem Sensationsbedürfnis der Menschen her, dass sich im Bereich nachhaltiger Arbeit einiges in Schieflage befindet. Klar, eine Doku über glückliche, gut verdienende Frauen in indischen Nähereien würde niemanden interessieren. hungrige Kinderaugen, ausgebeutete Frauen dagegen schon. Ok, die Empörung hält nicht lange, weil einem das krankhaft geizige Sparen wichtiger ist, als die menschlichen Schicksale in zig Tausend Kilometern Entfernung.

Nicht anders ist es im Tierschutz. Bilder von geretteten und gesunden, glücklichen Tieren sind nicht wirklich spektakulär und wenig interessant. Abgemagerte, halbtote, gequälte Kreaturen hingegen kommen sehr gut an. Dann sitzt der Geldbeutel locker. Was danach aus diesen, wie ich sie nenne, "Spendenmagneten" wird, interessiert niemanden. Eigentlich ist das widersinnig, denn wenn ich etwas spende, möchte ich doch wissen, was mit meinem Geld passiert. So denken die meisten Spender jedoch nicht. Sie lieben gruselige Geschichten von armen Hunden und Katzen, fernab der Heimat, lassen sich gerne auch in den sozialen Netzwerken für ihre Spenden feiern, interessieren sich aber in keiner Weise für nachhaltige Konzepte. Tierelend ist zum Verbrauchs- und Entertainmentartikel geworden, heute gesehen, kurz gegruselt und morgen schon vergessen, denn man sucht nach dem nächsten Drama, Facebook & Co. zeigen ja ein reichhaltiges Angebot.

Kein Wunder also, dass sich mittlerweile eine regelrechte Tierschutzmafia gebildet hat, die genau diesen Effekt auszunutzen weiß. Dass man zum Spendensammeln einen anerkannten, gemeinnützigen Verein haben muss, interessiert niemanden. Auf Privatkonten werden Gelder für angebliche Notfälle gesammelt, die niemand überprüft und deren Verbleib keinen interessiert.

Wenn man anders arbeitet und sich auch noch nach zehn oder fünfzehn Jahren um die selben Tiere kümmert, denen man irgendwann einmal Hilfe und Schutz versprochen hat, interessiert das niemanden. Im Gegenteil ist ein Projekt, wie das Unsere schlicht langweilig, weil ja nicht jeden Tag Dramen passieren. Unseren Tieren geht es gut. Warum das so ist, will man erst gar nicht wissen, ist ja nicht gruselig genug ... Dass todgeweihte Kreaturen ein neues Leben bekommen haben, interessiert kaum noch und dass dieses neue Leben die Verantwortlichen, also in unserem Fall meine Frau Karin und mich, über einen sehr langen Zeitraum total bindet, kann kaum jemand nachvollziehen.

Warum ist das so???
Einfach weil sich kaum jemand wirklich den Begriff Nachhaltigkeit in seiner ganzen Tiefe und Konsequenz zu eigen macht. Die glückliche, gut bezahlte Näherin in Indien interessiert ebensowenig, wie der Hund, die Katze oder das Pferd, die ein artgerechtes Leben in Gesundheit und Freiheit führen dürfen, nachdem sie der Todesspritze nur mit knapper Not entkommen sind.

Wir werden unseren Weg der Nachhaltigkeit weitergehen und das ohne Kompromisse. Ich bin jetzt 63 Jahre alt und weiß, dass ich mich um meine/unsere Schützlinge noch mindestens 15 Jahre kümmern muss, 7 Tage/Woche und 365 Tage/Jahr, ohne Urlaub, ohne echte Freizeit. Das Meer ist nur 10km entfernt von unserer Quinta, doch ich erinnere mich nicht mehr, wann ich zuletzt am Strand war. Mit ungefähr 78 werde ich mir dann Handtuch und Luftmatratze schnappen und mich in den Sand legen, falls ich es noch kann. Das verstehen Karin und ich unter Nachhaltigkeit, oder mit den Worten meiner Oma ausgedrückt: "Wer 'A' sagt, muss auch 'B' sagen".

Auf dem Foto seht Ihr Coco und Diana, dem Tod geweiht, geboren mit nur 50% Hirnmasse und ohne Kleinhirn, kamen sie als 2 Tage alte Welpen zu uns, im Müll gefunden ... es war viel Arbeit, wir haben es geschafft und werden für sie da sein, bis sie irgendwann einen natürlichen Tod sterben, nach einem glücklichen Leben. Das sind für uns die wahren Werte des Lebens und der Nachhaltigkeit.

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