Heute ist hier kein guter Tag, denn ganz in unserer Nähe wütet ein riesiger Waldbrand und wir müssen fürchten, dass er zu uns kommt. Es wäre nicht das erste Mal. Vor Jahren haben wir schon einmal fast alles verloren und zwei Jahre später beinahe noch einmal. Sowas vergisst man nicht. Bleibt zu hoffen, dass es sich nicht wiederholt.
Ich will aber auch nicht in Angst erstarren, denn momentan können wir nichts tun, außer zu hoffen. Wir sind auf alles vorbereitet, haben einen Plan, wie wir unsere Tiere schützen können, wobei uns die Erfahrungen der vorangegangenen Katastrophen helfen. Dennoch sind wir alleine, denn auch unsere Tochter Sarah mit ihrer Quinta und vielen Tieren ist bedroht. Das Feuer ist gestern Abend ganz in ihrer Nähe ausgebrochen. Die Polizei wollte Sarah nicht einmal mehr zu ihrem Haus lassen, als sie spät nachts von der Arbeit kam. Durch einen Bekannten bei der Feuerwehr hat es dann doch noch geklappt. So können wir uns nicht einmal gegenseitig helfen, denn die einzige Straße, die in dem bergigen Gebiet zu Sarah führt, ist vom Feuer komplett eingeschlossen und gesperrt. Ist alles nicht wirklich toll, aber wir hoffen, dass sich der Wind nicht dreht und wir alle verschont bleiben.
Ich habe eine schlaflose Nacht hinter mir, auch wenn ich nicht viel machen konnte, außer den feuerroten Nachthimmel zu beobachten und nach der Windrichtung zu sehen. In so einer Nacht gehen einem viele Gedanken durch den übermüdeten Kopf. Unter anderen kamen mir plötzlich Freunde und Freundschaften in den Sinn. Ich erinnerte mich an 2001, als nachmittags unzählige Portugiesen kamen, um uns bei der Evakuierung der Tiere zu helfen und mit anzupacken. Das hat wirklich geholfen. Glücklicherweise sind wir sehr gut integriert und bei den Einheimischen auch akzeptiert. Das war ein Stück Arbeit, denn üblicherweise präsentiert sich der deutsche Auswanderer an der Algarve nicht gerade als Integrationswunder. Man gibt hier eher den Aussteiger, der vergammelt rumläuft und sich mit irgendwelchen illegalen Deals innerhalb der deutschen Community über Wasser hält. Ok, nicht alle Deutschen hier sind so, aber 90% und diese 90% werden eben auch so von den Einheimischen wahrgenommen.
Wie auch immer ... ich hab mich gefragt, welche Menschen in meinem langen Leben letztlich als echte Freunde übrig geblieben sind. Klar, Freundschaft definiert sich heute über eine Sammlung von Likes und Plus in den sozialen Netzwerken. Hat man derer nicht ausreichend, ist man uncool und out. Doch das sind nicht die Freunde, die ich meine. So oder so bleibt am Ende bestenfalls ein Dutzend Menschen, die einem freundschaftlich verbunden sind, sei es der virtuellen Realität des Social Networking oder in der materiellen Realität.
Betrachte ich mir die verbliebenen Freundschaften, dann drängt sich mir die Frage nach den Menschen auf, die ich nicht mehr zu unseren Freunden zählen kann. In der Folge macht es also Sinn, den Begriff Freundschaft für sich ganz persönlich und ganz individuell zu definieren. Ich denke nicht, dass man da allgemeingültige Parameter aufstellen kann. Wir sind alle Individuen und haben sehr wahrscheinlich auch recht individuelle Vorstellungen von Freundschaft und den Werten, die eine solche auszeichnen.
Was mich angeht, so sind vor allem Loyalität und Ehrlichkeit fundamentale Faktoren. Menschen, die solange meine Freunde sind, wie sie von mir/uns bespaßt werden, sich aber lautlos abwenden, wenn der Funfaktor fehlt, sind in meinen Augen keine Freunde. Ich kann es problemlos akzeptieren, wenn mir jemand die Freundschaft aufkündigt und sagt: "Nee, ich will mit Dir nicht mehr befreundet sein, weil es einfach nicht mehr passt." Das ist ehrlich, klar und ok. Wer aber vordergründig so tut, als wäre alles wie immer und hinten herum das Gegenteilt tut, dem fehlt es schlicht an Mut, zu dem zu stehen, was er denkt und möchte. Das finde ich traurig und unwürdig.
Freunde sind für mich die Menschen, die immer zu mir stehen, egal ob es mir gutgeht oder schlecht, ob ich gerade cool bin oder eher nicht. Es sind die Menschen, bei denen ich nicht jedes gesprochene Wort zwei Mal anschauen muss, um sicher sein zu können, dass ich das herausgehört habe, was sie wirklich meinten. Deutsch ist keine so schwere Sprache, als dass sie klare Ausdrucksweisen unmöglich macht. Ich möchte meinen Freunden vertrauen können und ihre Worte so nehmen, wie sie gesagt wurden. Sie sind die Menschen, bei denen ich keine Hintergedanken vermuten muss und mich nicht durch eine Wand falscher Freundlichkeit kämpfen muss. Ein wahrer Freund sagt mir, was er denkt, hilft mir, meine eigenen Fehler zu erkennen, mich zu verbessern und innerlich zu wachsen. Dieses Wachstum ist nun mal ein lebenslanger Prozess. Wahre Freunde können sich gegenseitig dabei helfen, ihn erfolgreich zu absolvieren, indem sie füreinander da sind, ehrlich zueinander sind und verlässlich.
Der Mensch kann sich nur in seinem sozialen Umfeld entwickeln und verbessern. Wir sind nun mal soziale Wesen und brauchen einander. Die Basis aber muss Ehrlichkeit und Offenheit, aber auch Respekt sein. Ich bin dankbar dass wir moderne Medien haben, die uns nicht zwingen, Freundschaften per Brief aufrecht zu erhalten, gerade wenn man, so wie wir, runde 2.500km von zuhause weg wohnt. Ich sehe diese Medien aber als Hilfsmittel und nicht als Ersatz für Freundschaft und glaube auch, dass man ganz selten über diese Medien wahre Freunde finden kann. Ein Ersatz sind sie für mich auf keinen Fall, zumal sich die Teilnehmer ja sehr gerne hinter obskuren Pseudomymen verstecken, was wohl das größte Problem im Social Networking ist. Jeder kann völlig losgelöst von ethischen Grundsätzen tun und lassen was er will, ohne Konsequenzen.
Wir sind glücklich und dankbar, für die wenigen echten Freunde, die seit ewigen Zeiten hinter uns stehen, uns Mut machen und immer da sind, wenn man einen wahren Freund zum Herzausschütten braucht. Dies ist für mich das höchste Gut zwischenmenschlichen Seins und ich bin dankar dafür, es gefunden zu haben, vor allem aber den ganz wenigen Menschen, denen ich 100%ig vertrauen kann, es ist nicht mal eine Handvoll, aber das ist mehr, als mancher mit seinen hunderten Freunden in den sozialen Netzwerken hat.
Auf dem Foto seht Ihr unsere behinderte Coco mit ihrem allerbesten Freund für´s Leben, dem BabyBub. Das untere Foto habe ich gerade aufgenommen ...
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