Mittwoch, 21. September 2016

Ganzheitlichkeit

Gesundheit ist ein Thema, das mich nun schon seit fast 20 Jahren begleitet und komplett in meinem Focus steht. Bisher betraf es allerdings vor allem unsere Schützlinge. Ich muss mir tagtäglich darüber Gedanken machen, ob es allen gutgeht, sie gesund sind oder weiterhin spezielle Unterstützung benötigen. Wir betreuen in unserem Projekt ja fast nur Lebewesen, die in irgendeiner Form gesundheitlich beeinträchtigt - oder besser gesagt: schwer geschädigt - zu uns kamen und kommen.

Nun sehe ich das Thema Gesundheit nicht nur auf den Körper bezogen, sondern betrachte alle Lebewesen unter einem ganzheitlichen Aspekt. Ganzheitlichkeit war lange Zeit ein Modewort, wurde aber durch andere Modeworte dann wieder abgelöst, wie das eben halt so ist, wenn ein Trend den anderen ablöst. Ich habe hier gelernt, was Ganzheitlichkeit wirklich bedeutet und das nicht erst seit es ein Modewort geworden ist. Wenn ein Lebewesen schwer krank und/oder verletzt zu uns kommt, so ist zwar die medizinische Versorgung das Allererste, was erledigt sein muss, die wirkliche Genesung jedoch, kann der beste Arzt nicht bewirken, wenn die Psyche nicht ebenso intensiv betreut wird.

Ich habe die traurige Erfahrung gemacht, dass dieser Aspekt bei vielen Menschen, die mit kranken Tieren zu tun haben - und sei es nur der eigene Hund, Katze, Pferd, Meerschweinchen etc. - vor allem auf die Ärzte bauen und sich von ihnen dann das Wunder der Genesung erwarten. Dazu muss ich kritisch anmerken, dass Tierärzte oft heillos überfordert sind und die Anzahl der Fehldiagnosen bei weitem die der Humanmedizin übersteigt. Es mag an der Ausbildung liegen, denn ein Tierarzt durchläuft, den er muss sich mit wirklich allem auskennen, vom Hund über die Schlange, den Papagei bis hin zum Meerschweinchen. In der Humanmedizin gibt es wesentlich bessere Spezialisierungen, und der Arzt hat es immer nur mit einer einzigen Spezies zu tun. Wie kann also ein Tierarzt stets die richtigen Diagnosen treffen und die passende Behandlung verordnen? Natürlich gibt es auch in diesem Bereich Spezialisten, aber der normale Haustierarzt ist eben ein Allrounder und genau das ist das Problem.

Wichtiger jedoch als dieser Aspekt ist die Betrachtung der Psyche eines erkrankten Wesens. Jedes Lebewesen besitzt Selbstheilungskräfte, die letztlich stärker sind als alle Chemie in Medikamenten. Selbstheilungskräfte hat die Natur eingerichtet, damit ein Tier in der Wildnis - und da kommen ja alle Tiere her -, überhaupt wieder gesund werden kann, wenn es sich verletzt hat oder erkrankt ist. Diese Kräfte werden durch den Überlebenstrieb und damit durch die Perspektive auf die Rückkehr zum gewohnten Leben geweckt. So kann z.B. der Wolf sich ein verletztes, entzündetes Bein selbst amputieren (=abbeißen), um eine Blutvergiftung und damit seinen Tod zu verhindern. Welch psychsiche Kraft hinter so einer Fähigkeit stehen muss, kann man sich leicht vorstellen. Wir haben es also mit einer enormen Energie zu tun, die in jedem Tier schlummert. Somit ist es unsere Aufgabe als Beschützer der Kreaturen, die mit uns leben, neben der zweifellos wichtigen medizinischen Versorgung, vor allem diese Energien in unseren Tieren zu wecken.

Ein Vergleich anhand eines Beispiels

Man nehme zwei Hunde gleicher Rasse, gleichen Alters, gleichen Allgemeinzustandes, die an einer Krankheit, wie z.B. Leishmaniose (im Süden sehr häufig) leiden. Man behandele beide Hunde mit exakt denselben Medikamenten. Hund A hält man isoliert in einem Zwinger, Hund B lässt man frei mit Artgenossen weiter leben (zur Info: Leishmaniose ist nicht ansteckend). Hund A bekommt täglich Besuch und wird extrem bedauert und mit Sätzen wie "ach Du Armer, es wird schon wieder ...", während Hund B mit Worten aus dem Rudel gerufen wird: "Hey Du Springinsfeld, komm mal her ... Zeit die Medis zu nehmen".
Nun dürft Ihr mal raten, welcher Hund am Ende diese Krankheit überwinden kann, wobei man wissen muss, dass unter Medizinern die Leishmaniose als Todeurteil gilt und grundsätzlich Panik bei Besitzern auslöst, bis hin zur Todesspritze, falls der Hund irgendwelchen Tierschützern in die Finger gerät. (Ja, ich weiß, dass das recht bitter ausgedrückt ist, aber leider wahr, denn die Ausnahmen sind eher selten.)

Das hier ist nur ein Beispiel unter unzähligen anderen. Ob es nun um angeblich unheilbare Krankheiten geht oder um schwerste, angeblich inoperable Verletzungen, entscheidend für eine Genesung ist nach meiner langjährigen Erfahrung immer die Psyche. Daher nutzt es auch nichts, tränenüberströmt vor seinem kranken Tier zu sitzen und es zu bedauern, denn damit weckt man diese innere Selbstheilungskraft keinesfalls. Ok, mir war in all den Jahren oft genug zum Weinen zumute und ich hab es auch getan, aber niemals im Beisein des Patienten. Wenn wir unsere eigenen Ängste und die Trauer auf das Tier projizieren, lähmen wir es und verlagern unsere persönlichen Probleme auf den Patienten.

Man hat uns mit unserem Projekt nicht selten für verrückt gehalten, wenn wir sog. unheilbare Wesen bei uns aufgenommen und versorgt haben. Letztlich hatten wir so gut wie immer Erfolg. Misserfolge stellten sich ein, immer dann leider, wenn es einfach zu spät war und Andere bereits erfolglos an dem Tier herumgedoktort haben.
Man kann Unmögliches möglich machen, wenn man das anvertraute Wesen als Ganzheit aus Körper und Psyche sieht. Das Eine geht nicht ohne das Andere. Lebensbedingungen und Perspektiven sind dabei ausschlaggebend, weswegen ich mich schon 1996 - zu Beginn des Projektes - dazu entschlossen habe, alle unsere Notfälle frei und artgerecht zu halten. Nein, damals hatte ich noch keine Ahnung von Tieren, ledigllich einen Hund namens Jule, der mit meiner Tochter Sarah und mir auf der Quinta lebte. Dennoch entsprang es meinem innersten Empfinden, dass man Tiere nur so und nicht anders halten und auch wieder "gesund machen" kann. Gesundheit ist die Integration von Körper, Geist und Seele zu einem harmonischen Ganzen. Gelingt das, so gewinnt man 90% aller Kämpfe gegen Siechtum und Tod.

Was mich persönlich angeht, so spüre ich das jeden Tag an mir selbst. Ich bin körperlich wahrlich nicht gesund, die Ärzte sind ratlos (obwohl ich zu Humanmedizinern gehe), doch ich muss zusehen, wie ich meiner Verantwortung für Frau, Kind und so viele Tiere gerecht werde. Meine Kopf weiß, warum ich das hier alles tue, mein Herz gibt mir die Kraft, auch in den kommenden 15 Jahren nicht nachzulassen, selbst wenn ich mir im gesetzten Alter von aktuell 63 kaum vorstellen kann, mit 75 immer noch zu tun, was ich tue, aber ok ... so ist es nun mal. Mein Überlebenstrieb manifestiert sich in meiner Berufung, die ich damals gespürt habe, intuitiv und gegen anfängliche Widerstände in mir selbst. Ich hab´s in meiner Biographie "Himmelswölfe" ausführlich geschildert. Diese Kraft treibt mich tagtäglich an, nicht nachzulassen, auch wenn ich morgens nicht selten glaube, den Tag unmöglich schaffen zu können ...

Auf dem Foto seht Ihr unseren Socke (eigentlich heißt er Socrates). Er hatte Leishmaniose in einem Stadium, in dem er dem Tod näher war, als dem Leben. Heute ist es 100%ig genesen, hat perfekte Blutwerte, braucht keinerlei Medikation mehr und wurde in diesem Jahr zehn Jahre alt. Er lebt im großen Clan, ist sogar Chef seines eigenen Rudels und hat täglich Spaß. Während seiner Krankheit lebte er nicht ander, also mit seinem Rudel zusammen und bekam seine Medikamente und Spritzen immer draußen, wo er lebte. Wir haben ihm nie das Gefühl gegeben, ein "armer, kranker Hund" zu sein, sondern er lebte sein ganz normales Leben, obwohl es ihm zeitweise nicht wirklich gut ging. Letztlich war das der Schlüssel zur Heilung. Socke ist ein Beispiel von vielen ...



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