"Warum gehst du eigentlich nicht zu der Kasse mit der kürzesten Schlange?" Prüfend ruhte Jasmins Blick auf Victor, der soeben den vollen Einkaufswagen übernommen hatte, mit der Bemerkung: "lass mich dir helfen, der ist doch so schwer zu schieben."
"Ähm ... ja also ich ... ich denke, dass nicht die kürzeste Schlange entscheidend ist, sondern wie schnell die Kassiererin die Sachen am Scanner vorbeizieht", schwante Victor Böses.
"Und wie sie aussieht!" Packte Jasmin ihren aufkeimenden Unmut in einen schnippischen Unterton.
"Nein, das hat doch damit gar nix zu tun!", verteidigte er sich nur halbherzig, während er den Einkaufswagen hinter einer dickleibigen Brasilianerin mittleren Alters positionierte.
"Nein hat es nicht?", hakte Jasmin nach.
"Nein! Wieso sollte es?", tat Victor unschuldig.
"Und warum stehen wir seit Wochen immer mit schöner Regelmäßigkeit an Kasse 20?" Jasmin zog die Augenbrauen hoch und verlieh ihrem missbilligenden Blick eine bedrohliche Strenge.
"Zufall, reiner Zufall", zuckte er mit den Schultern.
"Ach was und dass die Schnepfe da am Scanner tiefschwarze, lockige Haare, lange, schwarz bepinselte Gelnägel und tief schwarz umrandete, blaue Augen hat, ist auch reiner Zufall, oder?" Die Abfälligkeit in ihrer Grimasse war kaum zu überbieten. "Irgendwie erinnert die mich an ... wie hieß sie nochmal in deinem Buch ...?"
Nein, diesmal würde er nicht darauf reinfallen und den Namen preisgeben. "Ich weiß nicht, wovon du redest".
"Weißt du nicht, aha!", gab sie sarkastisch zurück. "Ich jedenfalls weiß eines sehr genau. In all deinen Büchern, sind die Frauen immer jung, haben eine perfekte Figur, sind mega geschminkt, sportlich und sie sind Heldinnen. Dicke, Ältere, Faltige oder Grauhaarige finden nicht statt. Wundert mich nur, dass wir hinter der da stehen", deutete sie auf die auslandende Figur der vor ihnen wartenden Brasilianerin.
"Na, was hast du denn daran auszusetzen? Ich schreibe
politisch korrekt, überschreite jede Frauenquote in meinen Besetzungen und stelle die Frauen so dar, wie sie sind, ohne jegliche Diskriminierung. Bei mir werden eher die Männer diskriminiert", verteidigte er sich.
"Ah ja! Und alle Frauen sind jung, gutaussehend, haben schwarze oder blonde Locken, lange Fingernägel und kräftig geschminkte Augen. Das ist also dein Frauenbild. Deswegen stehen wir immer an Kasse 20 und ich muss mir ansehen, wie dieses Huhn mit ihren
tollen Händen meine Einkäufe am Scanner vorbeizieht, während mit dir die Phantasie durchgeht."
"Das ist Inspiration, sonst nichts", rutschte es Victor heraus. Er bereute es noch im selben Moment.
"Inspiration also, ich verstehe", heftete sie nun den Blick auf die Kassiererin.
Okay, sie sieht gut aus, noch sehr jung, aber ebenmäßige Gesichtszüge, gekonnt aufgebretzelt, dachte Jasmin,
warum sitzt so eine an der Kasse? Die gehört zu Heidi Klum in die Show der Rippengestelle.
"Da fällt mir ein ...", wendete sie sich wieder zu Victor, der sein Handy gezückt hatte und so tat, als habe er von seiner Tochter eine SMS bekommen. "Wie sieht eigentlich deine Lektorin aus, diese Adele Rehbach?"
"Bitte was, meine Lektorin?", tat Victor zerstreut.
"Du hast mich genau verstanden. Ich habe leider kein Bild von ihr auf Facebook gefunden, es gibt nämlich keine Adele Rehbach, weder auf Google noch auf Facebook."
"Klar nicht, sie heißt ja auch Adelheid Rehhof", grinste Victor verlegen.
"Na is doch jetzt egal!", machte sie eine wegwerfende Handbewegung. "Wie sieht sie aus? Du telefonierst doch dauernd mit ihr, vor allem nachts, wenn´s nix kostet."
"Weiß nicht, wir haben ja kein Bildtelefon", tat Victor unschuldig.
"Na wer soll das den glauben?", zog sie die linke Augenbraue hoch und schob die Lippen nach vorne.
"Sie ist meine L E K T O R I N!!! Verstehst du, meine Lektorin und wir müssen eben viel besprechen und diskutieren, das ist ganz normal", verteidigte er sich.
"Hm, du hast gesagt, sie sei witzig und es sei lustig mit ihr zu telefonieren."
"Ja und ... das ist doch nicht schlimm, oder?", zeigte sein Blick ehrliches Unverständnis.
"Wenn sie jung und perfekt geschminkt ist, dann schon!", betonte Jasmin ihren Argwohn.
"Faz favor!", winkte die Hand mit den schwarz lackierten Fingernägeln, während diese feengleiche Stimme der Kassierin Nr. 20, Victor aus seinem Dilemma erlöste.
Hastig und jeden Blickkontakt zu der jungen Schönheit meidend, legte er die Einkäufe auf´s Band. Im Augenwinkel sah er das vielsagende Grinsen der jungen Frau mit Namen
Susana, wie ihr Namensschild zu berichten wusste. In seinem Buch hatte er sie die
fleischgewordene Versuchung genannt. Susana Rodrigues war definitiv die Vorlage für eine seiner Heldinnen, doch das würde er Jasmin niemals eingestehen. Im Gegenteil, jetzt musste er die entsprechenden Passagen umschreiben. Susana´s Haare würden blond und glatt, statt schwarz und lockig, die Fingernägel rot statt schwarz und ihr Gewicht würde er auf 59kg hoch korrigieren.
Was ein Jammer!, dachte Victor, aber irgendwann wollte er auch mal wieder alles richtig machen, zumal Jasmin ja mit las. Versonnen schaute er dieser davon stampfenden Brasilianerin hinterher. Genau so würde er es machen. Sie wäre die Inspiration für eine Art Anti-Heldin, blöd nur, dass er ihren Namen nicht kannte. Jetzt hinterher zu rennen und sie zu fragen, wäre sicher unpassend, befand er, nahm seine EC-Karte und schob sie in den Leser. Nun war es unvermeidbar. Ihre Augen trafen sich. Susana´s Lächeln verzauberte ihn schlagartig und schleuderte ihn mitten in die Handlung seines aktuellen Thrillers. Er sah schon das Schwert in ihrer Hand, den Abfangdolch in der Linken, den entschlossenen Blick ... doch da piepste der Leser und forderte ihn auf, die EC-Karte zu entnehmen.
"Muito obrigada e uma boa noite. Até próxima semana", bedankte sich Susana, wünschte einen besonders guten Abend und bis nächste Woche. Victor sah noch das vielsagende Lächeln, konnte sich des Zaubers kaum erwehren. Ja, in diesem Moment war er froh, dass Jasmin gerade mit dem Verstauen der Einkäufe in Jutetüten beschäftigt war und nicht zugehört hatte. Oh Mann, das war nochmal gutgegangen.
Ob es danach wirklich gut gelaufen ist oder doch noch ein Nachspiel folgte, erfahrt Ihr dann in der nächsten Folge von
"Victor und Jasmin - eine komplizierte Beziehung".