Samstag, 30. April 2016

Gedanken über die Wahrheit - Teil I

Jeder Mensch stolpert irgendwann in seinem Leben, nicht nur einmal, über die Wahrheit. Die meisten springen schnell wieder auf, klopfen sich den Staub ab und hetzen weiter durch den Alltag, so als sei nichts gewesen und so als habe ihnen die Wahrheit nichts anhaben können.

Das ist sicherlich kein Phänomen der Gegenwart, sondern war schon immer so. Sich der Wahrheit zu stellen ist zweifellos nicht immer einfach und vor allem: „Was ist die Wahrheit? Gibt es überhaupt eine absolute Wahrheit? Ist Wahrheit nicht vor allem von unserer jeweils individuellen Wahrnehmung, also unserem Bewusstsein abhängig?“

Ich denke, der erste Schritt, der Wahrheit näher zu kommen, beginnt bei uns selbst. Ehrlichkeit gegenüber der eigenen Person, ihren Schwächen, ihren Stärken, ihrem Wachstumspotential, das hat eine wirklich „erziehende“ Wirkung und schärft den Verstand. Man lernt, Dinge differenziert zu sehen und der Wahrheit dadurch näher zu kommen. Man wird unabhängig von Mainstream und Manipulation. Der Vorteil dieses ersten, zweifellos sehr schwierigen Schrittes ist, dass man ihn unbemerkt von seinem sozialen Umfeld vollziehen kann, man macht es mit sich selbst aus, unterliegt keinem subjektiven Rechtfertigungszwang. Ist man dann noch mit einem/einer Partner(in) gesegnet, dem/der man 1.000%ig vertrauen kann, sollten die Weichen gestellt sein. Man kann sich öffnen und sollte es auch tun, rückhaltlos, ohne wenn und aber. Es folgt der Austausch von Gedanken und Empfindungen ohne Bewertung und ohne Verurteilung. Genau das bringt uns im Alltag der Wahrheit Stück für Stück näher. Dadurch wird unser Leben wahrhaft bereichert und bekommt jetzt auch einen ultimativen Sinn.

Die Wahrheit über sich selbst findet man in der bedingungslosen und akzeptierenden Liebe des/der Partners(in). Jeder kann seine Lebenswahrheit letztlich nur mit und durch den Anderen finden, denn die Liebe webt genau dieses Netz, das die Natur vorgesehen hat, indem sie uns als soziale Wesen schuf.


Donnerstag, 28. April 2016

Was macht man mit Wut???

Wem passiert das nicht? Jemand beleidigt einen und man wird richtig richtig wütend, sauer und würde am liebsten …

In Zeiten der (un)sozialen Netzwerken widerfährt einem das sogar wesentlich öfter, denn man trifft auf Menschen, mit denen man in einem „normalen“ Alltag, ohne Facebook & Co., wahrscheinlich nichts zu tun hätte. Gut versteckt hinter Fantasienamen und Pseudonymen scheint plötzlich alles erlaubt. Man kann beleidigen, diskriminieren und Leuten einen auswischen, auf die man normalerweise gar nicht treffen würde. Es werden die primitivsten Instinkte wachgerufen und das keineswegs nur bei primitiven, dummen, dumpfen Menschen, wie man oft glauben mag. Gerade diejenigen, denen man es kaum zutrauen würde, wenn man ihnen gegenüber sitzt, nutzen gerne die Gelegenheit, ihre innere Sau mal richtig rauszulassen, weil´s ja ungestraft und man unerkannt bleibt.

Gefährlich daran sind die Stimmungsmacher, diejenigen, die vorgeben, was angesagt ist und was eine korrekte Meinung zu sein scheint. Das Tolle daran ist, man muss nicht mehr selber denken, sondern kann sich einfach dranhängen und mit draufhauen.

Wie aber geht man als Betroffener damit um, wenn man beleidigt wird und in einem die Wut aufsteigt??? Ich neige immer dazu, aus jeder Situation für mich eine Lernaufgabe zu machen. Ich sehe mir also meine Wut an, überlege, warum mich etwas wütend macht und welche Knöpfe es bei mir drückt. Meine Wut und mein Ärger haben einen Grund und der ist primär erst einmal in mir zu suchen. Wut ist eine sehr lebendige Erfahrung, eine wichtige Erfahrung UND vor allem eine sehr persönliche Erfahrung. Ich denke, es ist hilfreich für die eigene Entwicklung, in sich hinein zu schauen und zu überlegen, was da gerade in einem passiert. Man beginnt, sich selbst besser zu verstehen.

Im Ergebnis wird man ruhiger, gelassener UND man lernt sich selbst noch viel besser kennen. Man schont seine Nerven und kommt dem alten Spruch von Wilhelm Busch näher:

"Will sich dein Nachbar mit dir streiten, so setz' dich nicht gleich zur Wehr
Verdopple deine Höflichkeit, es ist christlicher und ärgert mehr"




Montag, 25. April 2016

Verantwortung übernehmen???

Kann man Verantwortung einfach so abschütteln, indem man sie ignoriert?

Ich denke, dass es ein wichtiger Wert in unserem Leben sein sollte, Verantwortung zu übernehmen und dazu dann auch zu stehen, solange es geboten und zugesagt ist. In bestimmten Lebensbereichen hat man eine Wahl, kann der Übernahme von Verantwortung zustimmen oder sie ablehnen. Wenn der Nachbar fragt: „Kannst Du übers Wochenende auf meine 3-Jährige aufpassen?“, dann kann ich Ja oder Nein sagen, je nachdem ob ich glaube dieser Verantwortung gewachsen zu sein oder nicht. Wenn ich Ja sage, dann kann ich halt nachmittags nicht zum Fußball oder Samstagabend in die Disco – logisch.

Dann gibt es Lebensbereiche in denen man zwar Ja gesagt hat, aber eher meinte: „ja schon, aber nur solange es mir keine Mühe macht“. Das sind dann die Fälle, in denen sich jemand urplötzlich aus der Verantwortung stiehlt und sie wegschieben will. Das gilt u.a. immer öfter für Menschen, die sich zur Aufnahme von Haustieren entschlossen haben.

Und dann gibt es Lebensbereiche, in denen man keine Wahl hat. Als soziales Wesen Mensch, kann man bisweilen die Augen nicht verschließen, sollte über den Tellerrand sehen und Verantwortung übernehmen. Ich empfinde das als ein MUSS. Ignorieren und nicht wissen wollen, ist zwar eine Strategie, aber eine sehr gefährliche. Irgendwann holt einen das Wegschauen ein, wird das Desinteresse zum Bumerang, der dann hart am Kopf einschlägt und bisweilen mehr als eine Platzwunde hinterlässt.

Ich lebe mit Wesen zusammen, deren Bereitschaft, Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen beeindruckend ist, ebenso wie ihr Sozialverhalten insgesamt. 20 Jahre in und mit einem freien, sehr sehr großen Hundeclan haben mir gezeigt, was ein funktionierendes Sozialsystem vermag. Indem die Gemeinschaft über dem Einzelnen steht, steht der Einzelne im Mittelpunkt allen Handelns und ist in der Gemeinschaft bestens geschützt und versorgt. Es klappt auf jeden Fall perfekt und besser als in einem sog. Sozialstaat, wo letztlich doch nur jeder aus sich schaut und möglichst wenig abgeben will.

Wir haben jedem Einzelnen unserer großen Sozialgemeinschaft zwar das Leben und die Gesundheit gerettet, aber sie haben uns gelehrt, was MITEINANDER bedeutet und wie man Verantwortung trägt, nachhaltig und bis zum Lebensende. 




Mittwoch, 13. April 2016

Schreibtagebuch 13.04.2016

Es gibt Phasen, in denen ist man kreativ, sprüht vor Energie und Motivation und alles gelingt, was man anpackt. Aber es ist auch ein Naturgesetz, dass jedem Hoch ein Tief folgen muss, sonst würde der Mensch das Hoch gar nicht mehr als solches wahrnehmen und das wäre sehr schade.

Schreiben ist keine leichte Arbeit. Ein Buch braucht Kontinuität, damit es ein gutes Buch wird. Egal wie man sich als Autor gerade fühlt, welche persönlichen Probleme, Irrungen und Wirrungen einen momentan quälen, im werdenden Buch darf sich das nicht niederschlagen. Der Stil muss immer gleich sein, die Darstellung der Akteure sollte durchgängig und schlüssig sein, die Handlung muss eine roten Faden verfolgen, auch wenn man gerade was ganz anderes im Sinn hat und schreiben möchte. Als Autor ist man keine Maschine, obwohl es nicht wenige Autoren gibt, die fließbandähnlich ihre Bücher regelrecht raushauen, nicht selten unter dem Druck des Verlages.

Ich staune auch immer wieder, wenn Autoren in Interviews behaupten, dass das Buch so gar nichts mit ihrer Person und ihrem Wesen zu tun hätte. Für meine Bücher kann ich das so nicht behaupten. Sie sind immer ein Stück von mir und spiegeln Dinge wieder, die sehr viel mit meiner Person und meiner Sicht der Welt zu tun haben. Ob sie gut sind oder nicht, beurteilt der Leser, logisch … aber ist GUT oder SCHLECHT wirklich ein objektiver Maßstab, der sich zu einer Art Standard erheben lässt?

Die letzten rund 60 Seiten liegen vor mir, nachdem ich die Überarbeitung des Lektorats abgeschlossen habe. Ich achte immer sehr darauf, dass meine aktuelle Tagesform sich nicht im Geschriebenen widerspiegelt, denn momentan gibt es viele wichtige Dinge, die mich beschäftigen. Ich lebe ein Leben, dass mir einiges an Verantwortung abnötigt, mir auch so manche Sorgen in den Kopf treibt und bisweilen sehr herausfordernd ist. Diese letzten 60 Seiten werden nochmal eine echte Herausforderung werden, aber ich werde auch das bewältigen, denn ich will einmal mehr ein Buch schaffen, von dem ICH sagen kann, dass es ein gutes Buch ist, hinter dem ich voll und ganz stehe. Ich denke mal, dass mir dann auch wieder sehr viele Leser folgen werden.



Freitag, 8. April 2016

Victor und Jasmin - Kasse No. 20

"Warum gehst du eigentlich nicht zu der Kasse mit der kürzesten Schlange?" Prüfend ruhte Jasmins Blick auf Victor, der soeben den vollen Einkaufswagen übernommen hatte, mit der Bemerkung: "lass mich dir helfen, der ist doch so schwer zu schieben."

"Ähm ... ja also ich ... ich denke, dass nicht die kürzeste Schlange entscheidend ist, sondern wie schnell die Kassiererin die Sachen am Scanner vorbeizieht", schwante Victor Böses.
"Und wie sie aussieht!" Packte Jasmin ihren aufkeimenden Unmut in einen schnippischen Unterton.
"Nein, das hat doch damit gar nix zu tun!", verteidigte er sich nur halbherzig, während er den Einkaufswagen hinter einer dickleibigen Brasilianerin mittleren Alters positionierte.
"Nein hat es nicht?", hakte Jasmin nach.
"Nein! Wieso sollte es?", tat Victor unschuldig.
"Und warum stehen wir seit Wochen immer mit schöner Regelmäßigkeit an Kasse 20?" Jasmin zog die Augenbrauen hoch und verlieh ihrem missbilligenden Blick eine bedrohliche Strenge.
"Zufall, reiner Zufall", zuckte er mit den Schultern.
"Ach was und dass die Schnepfe da am Scanner tiefschwarze, lockige Haare, lange, schwarz bepinselte Gelnägel und tief schwarz umrandete, blaue Augen hat, ist auch reiner Zufall, oder?" Die Abfälligkeit in ihrer Grimasse war kaum zu überbieten. "Irgendwie erinnert die mich an ... wie hieß sie nochmal in deinem Buch ...?"

Nein, diesmal würde er nicht darauf reinfallen und den Namen preisgeben. "Ich weiß nicht, wovon du redest".
"Weißt du nicht, aha!", gab sie sarkastisch zurück. "Ich jedenfalls weiß eines sehr genau. In all deinen Büchern, sind die Frauen immer jung, haben eine perfekte Figur, sind mega geschminkt, sportlich und sie sind Heldinnen. Dicke, Ältere, Faltige oder Grauhaarige finden nicht statt. Wundert mich nur, dass wir hinter der da stehen", deutete sie auf die auslandende Figur der vor ihnen wartenden Brasilianerin.
"Na, was hast du denn daran auszusetzen? Ich schreibe politisch korrekt, überschreite jede Frauenquote in meinen Besetzungen und stelle die Frauen so dar, wie sie sind, ohne jegliche Diskriminierung. Bei mir werden eher die Männer diskriminiert", verteidigte er sich.
"Ah ja! Und alle Frauen sind jung, gutaussehend, haben schwarze oder blonde Locken, lange Fingernägel und kräftig geschminkte Augen. Das ist also dein Frauenbild. Deswegen stehen wir immer an Kasse 20 und ich muss mir ansehen, wie dieses Huhn mit ihren tollen Händen meine Einkäufe am Scanner vorbeizieht, während mit dir die Phantasie durchgeht."
"Das ist Inspiration, sonst nichts", rutschte es Victor heraus. Er bereute es noch im selben Moment.

"Inspiration also, ich verstehe", heftete sie nun den Blick auf die Kassiererin. Okay, sie sieht gut aus, noch sehr jung, aber ebenmäßige Gesichtszüge, gekonnt aufgebretzelt, dachte Jasmin, warum sitzt so eine an der Kasse? Die gehört zu Heidi Klum in die Show der Rippengestelle.
"Da fällt mir ein ...", wendete sie sich wieder zu Victor, der sein Handy gezückt hatte und so tat, als habe er von seiner Tochter eine SMS bekommen. "Wie sieht eigentlich deine Lektorin aus, diese Adele Rehbach?"
"Bitte was, meine Lektorin?", tat Victor zerstreut.
"Du hast mich genau verstanden. Ich habe leider kein Bild von ihr auf Facebook gefunden, es gibt nämlich keine Adele Rehbach, weder auf Google noch auf Facebook."
"Klar nicht, sie heißt ja auch Adelheid Rehhof", grinste Victor verlegen.
"Na is doch jetzt egal!", machte sie eine wegwerfende Handbewegung. "Wie sieht sie aus? Du telefonierst doch dauernd mit ihr, vor allem nachts, wenn´s nix kostet."
"Weiß nicht, wir haben ja kein Bildtelefon", tat Victor unschuldig.
"Na wer soll das den glauben?", zog sie die linke Augenbraue hoch und schob die Lippen nach vorne.
"Sie ist meine L E K T O R I N!!! Verstehst du, meine Lektorin und wir müssen eben viel besprechen und diskutieren, das ist ganz normal", verteidigte er sich.
"Hm, du hast gesagt, sie sei witzig und es sei lustig mit ihr zu telefonieren."
"Ja und ... das ist doch nicht schlimm, oder?", zeigte sein Blick ehrliches Unverständnis.
"Wenn sie jung und perfekt geschminkt ist, dann schon!", betonte Jasmin ihren Argwohn.

"Faz favor!", winkte die Hand mit den schwarz lackierten Fingernägeln, während diese feengleiche Stimme der Kassierin Nr. 20, Victor aus seinem Dilemma erlöste.

Hastig und jeden Blickkontakt zu der jungen Schönheit meidend, legte er die Einkäufe auf´s Band. Im Augenwinkel sah er das vielsagende Grinsen der jungen Frau mit Namen Susana, wie ihr Namensschild zu berichten wusste. In seinem Buch hatte er sie die fleischgewordene Versuchung genannt. Susana Rodrigues war definitiv die Vorlage für eine seiner Heldinnen, doch das würde er Jasmin niemals eingestehen. Im Gegenteil, jetzt musste er die entsprechenden Passagen umschreiben. Susana´s Haare würden blond und glatt, statt schwarz und lockig, die Fingernägel rot statt schwarz und ihr Gewicht würde er auf 59kg hoch korrigieren. Was ein Jammer!, dachte Victor, aber irgendwann wollte er auch mal wieder alles richtig machen, zumal Jasmin ja mit las. Versonnen schaute er dieser davon stampfenden Brasilianerin hinterher. Genau so würde er es machen. Sie wäre die Inspiration für eine Art Anti-Heldin, blöd nur, dass er ihren Namen nicht kannte. Jetzt hinterher zu rennen und sie zu fragen, wäre sicher unpassend, befand er, nahm seine EC-Karte und schob sie in den Leser. Nun war es unvermeidbar. Ihre Augen trafen sich. Susana´s Lächeln verzauberte ihn schlagartig und schleuderte ihn mitten in die Handlung seines aktuellen Thrillers. Er sah schon das Schwert in ihrer Hand, den Abfangdolch in der Linken, den entschlossenen Blick ... doch da piepste der Leser und forderte ihn auf, die EC-Karte zu entnehmen.

"Muito obrigada e uma boa noite. Até próxima semana", bedankte sich Susana, wünschte einen besonders guten Abend und bis nächste Woche. Victor sah noch das vielsagende Lächeln, konnte sich des Zaubers kaum erwehren. Ja, in diesem Moment war er froh, dass Jasmin gerade mit dem Verstauen der Einkäufe in Jutetüten beschäftigt war und nicht zugehört hatte. Oh Mann, das war nochmal gutgegangen.

Ob es danach wirklich gut gelaufen ist oder doch noch ein Nachspiel folgte, erfahrt Ihr dann in der nächsten Folge von "Victor und Jasmin - eine komplizierte Beziehung".


Montag, 4. April 2016

Victor und Jasmin - Chanel No. 5

Victor saß vor seinem Computer und las laut aus seinem Buch vor:

Zärtliche Berührungen zogen ihn sanft hinüber, in die Welt der Sinnlichkeit. Ihre feingliedrigen Finger verloren sich in seinen Stirnfalten, den typischen Denkerfalten. Er genoss es, als Susan ein paar Strähnen seiner langen, dunkelbraunen Haare behutsam zur Seite schob, um ihr Streicheln mit einem sanften Kuss zu untermalen. Seine Stirnfalten glätteten sich. Totale Entspannung durchflutete seinen Körper.
"Chanel No.5!", schoss es ihm durch den Kopf. 
Er kannte diesen klassischen Duft sehr genau. Den damit verbundenen Erinnerungen wollte er jedoch gerade jetzt nicht folgen. Zärtlich öffnete ihre Zunge seine Lippen und suchte den Weg zu seiner ...

Mit einem dumpfen Knall landete der fast leere Flacon des Chanel No.5 auf der Mahagoniplatte seines uralten Schreibtisches, direkt neben seinem Notebook. Der Schreibtisch war ein Familienerbstück, nun verunstaltete eine tiefe Schramme das antike Stück.

"Die kannst du wiederhaben!", kommentierte Jasmin ihren Wutausbruch. "Kannst ja deinen Bildschirm damit einsprühen, vielleicht bekommst du dann noch weitere Inspirationen!"
Ihre Augen funkelten ihn wütend an. Er glaubte sogar ein ungesundes Rot unter ihrem Make-Up ausmachen zu können.
"Was ... wieso ... was ist denn los?", stammelte er. "Ich dachte, du wärst draußen bei den Hunden."
"Ach ja!?", zickte sie zurück. "Bei den Hunden? Und deswegen glaubst du, hier irgendwelchen Schweinkram schreiben zu können und ...", sie holte tief Luft, "... und ... und auch noch laut lesen zu dürfen?"
Sie beugte sich zu ihm herunter. Er konnte ihren Atem auf seinen Wangen spüren. Diese wunderbare Mischung aus Tabakduft und TicTac Minzedrops waberte in seine Nase. Wie sehr er doch diese Mischung aus jugendlicher Frische und leichter Verruchtheit liebte, rief sie in ihm doch regelmäßig erotische Fantasien ins Bewusstsein. Nur jetzt, in diesem Augenblick, war alles ganz anders. Jasmin machte ihm Angst.
"Nun, ich lese mir die Kapitel doch immer laut vor, wenn ich sie überarbeite und ich ... ich ... also ich nehme sie dann auf, um zu prüfen, ob der Lesefluss stimmt", verteidigte sich Victor.
"Schon klar, du stellst dir deine erotischen Hörbücher gleich selbst her." Sie richtete sich wieder auf. "Und diese ... diese Susan gab´s mal in deinem Leben?" Sie verengte die Augen zu einem prüfenden Blick. "Klar, logisch, was denn sonst! Ist ja deine Autobiographie. War sie nicht Engländerin?"
"Woher willst du das wissen?", forschte Victor nach. Niemand hatte sein halbfertiges Werk bisher gelesen. Wenn er sich Passagen selbst laut vorlas, wähnte er sich immer alleine.
"Tja, mein Freund, es ist nicht unbedingt eine kluge Idee, seine Geheimnisse in einer Dropbox oder Cloud zu speichern, wo ich zugreifen kann", trumpfte sie auf. "Ich hab gleich gewusst, dass du was im Schilde führst, als es um diesen Roman vor autobiographischem Hintergrund ging", hüllte sie ihre Worte in einen abfälligen Tonfall. "Da war es mir sicherer, mal mitzulesen. Wer weiß, was sonst noch alles ans Tageslicht kommt?"

Victor bließ die Wangen auf. Sollte er nun wütend werden, weil sie in seinen Dokumenten herumstöberte oder doch besser klein beigeben und nach einer schlüssigen Ausrede suchen?
"Naja, Susan war vor über zwanzig Jahren, die ist Geschichte", entschied er sich zu Letzterem.
"Das Chanel aber nicht, sonst hättest du es mir ja nicht geschenkt", ließ ihr spitzer Tonfall keinen Zweifel an ihrem Unmut. "Und wann werde ich Geschichte sein? Wenn ich dann alt und faltig bin?"
"Um Gotteswillen! Wie kommst du denn auf sowas?", rief er aus und erhob sich von seinem Schreibtischstuhl. "Unsere Liebe ist doch so einmalig, so besonders, so außergewöhnlich, da spielen körperliche Dinge überhaupt keine Rolle."
"Ahaaa! Na das ist ja besonders interessant", triumphierte sie auf, "und mit dem Chanel katapultierst du dich dann in die Vergangenheit und siehst in mir diese ... diese ... diese komische Susan. Die sah bestimmt aus wie Judith Rakers von der Tagesschau!"
Seine Augen weiteten sich in ehrlicher Ratlosigkeit. "Nein ... keineswegs!"
"Aber eines kann ich dir versichern", dominierte nun die Zornesröte ihre Wangen, "diese Susan sieht heute auch nicht mehr so aus wie damals, ganz sicher nicht."
Jasmin drehte sich zur Seite und steuerte die Türe an. "Und die Cordhose hab ich weggeworfen. Nur damit du es weißt!"
"Aber nun warte doch mal", eilte Victor seiner geliebten Jasmin hinterher.
"Worauf soll ich denn warten?", warf sie ihm zu. "Das Körperliche spielt doch keine Rolle mehr in unserer Beziehung, hast du gesagt, also dann ..."

Krachend schlug die Türe des Arbeitszimmers vor seiner Nase zu. Was hatte er nun schon wieder falsch gemacht. War schriftstellerische Freiheit in diesem Haus von nun an verboten? Okay, es gab diese Susan, aber es war doch klar, dass er auch schon vor Jasmin ein Leben hatte und nicht im Kloster meditierte. Manchmal verstand er die weibliche Logik einfach nicht, besser gesagt meistens nicht. Heute jedenfalls hatte er mal wieder alles falsch gemacht, das war klar. Diesen Satz mit dem Körperlichen hätte er besser runtergschluckt. Jetzt war es zu spät. Er ließ sich auf den Schreibtischstuhl fallen und begann über eine Wiedergutmachung nachzusinnen.

Ob das dann klappte, oder eher schief ging, erfahrt ihr in der nächsten Folge von "Victor und Jasmin - eine komplizierte Beziehung"


Samstag, 2. April 2016

Victor und Jasmin - Die Cordhose

Tja, nun habe ich manchen Leser meines Blogs verwirrt. Das war zwar nicht meine Absicht, aber hat mich auf eine Idee gebracht. Ich werde die Verwirrung Stück für Stück in den weiteren Fortsetzungen aufklären. Ihr werdet erfahren, wer Victor ist und wer seine Jasmin ist. Es lohnt sich also, die Geschichten aus meinem Alltag weiter zu verfolgen.

"Wie findest du den Pullover?", kam Jasmin ins Wohnzimmer gerauscht und baute sich zwischen Victor und dem Fernseher auf.
"Guten Abend mein Damen und Herren, ich begrüße sie zur Tagesschau", drängte sich jedoch die freundliche Stimme von Judith Rakers in den Vordergrund.
Victor hatte gerade die Lautstärke auf Level acht angehoben. Nun legte er, begleitet von einem genervten Seufzen, die Fernsteuerung aus der Hand.
"Schön", kommentierte er kurz, zog jedoch, eher unwillkürlich, die Mundwinkel nach unten.
"Na, das klingt ja nicht überzeugend", machte Jasmin aus ihrem Unmut keine Hehl.

Wieder war diese blöde Tagesschautussi wichtiger als sie. Er scheint nur Augen für diese Judith zu haben, ärgerte sie sich, kleidete es jedoch nicht in Worte. Mit der Präsenz einer Statue von Michelangelo hatte sie sich aufgebaut. Sie beabsichtigte auch nicht, etwas daran zu ändern, jedenfalls nicht so lange, bis sie Victors ungeteilte Aufmerksamkeit besaß. Ihr strenger Blick fixierte ihn.

Erstarrung, wie nach einem Schockfrost, legte sich über die Szene im altehrwürdigen Wohnzimmer von Burg Bellenstein. Judith quakte im Hintergrund etwas von gesunkenen Flüchtlingszahlen, doch wen interessierte das schon? Jasmin jedenfalls nicht, lebte sich doch gute zweieinhalbtausend Kilometer weit entfernt vom Geschehen. Warum also interessierte es Victor? Seine, fast schon leidenschaftlich wirkende Faszination für Politik, Nachrichten und Politmagazine konnten nur einen einzigen Grund haben und der hieß Judith ... oder ... ihre Gedanken hielten kurz inne ... oder Maybrit, vielleicht sogar beide Damen? Und was war mit den anderen Schönheiten, die mit klugen Statements die aktuellen Tagesereignisse kommentierten? Dann fiel es ihr wieder ein. Ja, genau, da gab es noch einige mehr. Diese Linda zum Beispiel, auch bei der Tagesschau und dann Vanessa ... naja, die war eh viel zu jung. Nein, korrigierte sie sich. Nein, Vanessa schied aus, die war ja bei DSDS und keine Polittussi.

Victor atmete tief durch und griff nach der Fernsteuerung des SAT Receivers. Er drückte die TimeShift Taste. Judiths Meldungen erstarben mitten im Wort.

"Sehr freundlich! Vielen Dank, dass ich in deinem Leben überhaupt noch stattfinde, wenn auch nur marginal", kommentierte Jasmin in spitzem Tonfall.
Victor ließ lautstark die Luft durch seine geschlossenen Lippen entweichen. "Okay, okay, ich höre dir zu", gab er nach und sah sie erwartungsvoll an.
"Du sollst mir nicht zuhören, du sollst mich ansehen!", mahnte Jasmin und glitt mit ihren grazilen Fingern über die weiblichen Formen ihres Oberkörpers.
"Nichts lieber als das", versuchte Victor die Situation zu retten, denn schlagartig war ihm sein Faux-pas bewusst geworden.
"Schön wär´s ja", zickte sie zurück. "Was ist nun mit dem Pullover? Findest du ihn gut oder nicht? Du willst doch immer, dass ich perfekt gestylt bin, selbst wenn wir einkaufen fahren."
"Klar will ich das!", versuchte Victor vergeblich einen überzeugten Unterton in seine Worte zu legen. "Der Pullover ist klasse, gefällt mir."
"Und die Hose?", hakte Jasmin nach.
"Super! Sitzt knackig am Po, betont deine Figur perfekt. Alles toll", versuchte er die Stimmung zu drehen.
"Lügner!", kam es unvermittelt zurück. "Du magst doch Cordhosen gar nicht."
"Jaaaa", atmete er tief durch. "Normalerweise nicht, aber an dir sehen sie knaller aus, echt."
"Also ich finde, sie macht mir einen breiten Arsch", drehte Jasmin sich zur Seite, um Victor ihre Silhouette zu präsentieren.
"Neee, also find ich gar nicht, da hat man wenigstens was zum anfassen und bei deiner Figur ...", ließ er den Satz unvollendet.
"Naja, Judiths Hintern sieht man ja nie", drehte sie ihm nun ganz den Rücken zu, während ihr Blick den Fernseher mit der eingefrorenen Tagesschausprecherin streifte. "Somit kannst du das also nicht wirklich vergleichen."
"Hä? Vergleichen?", suchte er nach dem Sinn ihrer Worte.
"Du weißt schon, was ich meine", drehte sie sich wieder zu ihm. "Ich werde doch die schwarze Jeans anziehen", sprach´s und entschwand ins Schlafzimmer.

Victor schüttelte den Kopf und verkniff sich den abgenutzten Ausruf "Frauen!". Nachrichten, Dokus, Politmagazine, all das war Teil seines Wirkens als Autor. Umfangreiche Recherchen waren nun mal das A und das O eines guten Buches. Ging es im Buch auch noch um zeitnahe Themen, dann mussten die Details erst recht stimmen und gut recherchiert sein. Wie sollte er sich eine Meinung bilden, den eigenen Standpunkt definieren und Stellung nehmen, wenn er nicht informiert war? Einfache Parolen waren nicht sein Ding. Er versank im Tiefgründigen, wollte Hintergründe aufdecken, Zusammenhänge herstellen. Okay, bei seinem aktuellen Buch, einem Roman mit autobiographischem Hintergrund, waren Recherchen eher zweitrangig. Schließlich kannte er sein Leben ja gut genug, aber bald würde er an seiner hochaktuellen Trilogie weiterschreiben. Immerhin war der erste Band sehr erfolgreich bereits in der 2. Auflage erschienen. Ja, und da musste er am Puls der Zeit bleiben und wissen, was ...

"So besser?", schneite Jasmin ins Wohnzimmer und grätschte in seine Gedanken.
"Toll, noch besser als je zuvor, so knackig", schwärmte er, "sollen wir das Einkaufen nicht verschieben?"
Jasmin grinste. "Nein mein Lieber, die Chance hast du vertan. Jetzt wird eingekauft, Tüten geschleppt und dann sehen wir mal weiter."

Ihre stahlgrauen, schwarz umrandeten Augen weiteten sich. Er glaubte, ein leichtes Zwinkern erkannt zu haben. Ist das jetzt ein Versprechen?, fragte sich Victor in diesem Augenblick. Nur eine Zehntelsekunde später griff er erneut zur Fernsteuerung. Diesmal betätigte er den roten Knopf. Judith entschwand im digitalen Schwarz des Samsung LED Bildschirms und sagte nichts mehr. Die Flüchtlinge sind morgen auch noch da, dachte er.

Jasmin zog die rechte Augenbraue hoch und gestattete einem vielsagenden Lächeln, ihr Gesicht zu erhellen. Als ihre Zunge die Lippen befeuchtete, war Victor sich ganz sicher: heute hatte er alles richtig gemacht.

Ob Victor wirklich alles richtig gemacht hatte, erfahrt Ihr dann in der nächsten Fortsetzung der komplizierten Lovestory zwischen Jasmin und ihrem Victor.