Samstag, 20. August 2016

Was bedeutet Menschlichkeit wirklich?

Ich habe letztens einen Film gesehen, in dem es darum ging, die Menschlichkeit abzuschalten. Warum wollten die Protagonisten so etwas tun? Sie wollten Schmerz und Trauer nicht mehr empfinden müssen und stattdessen nur noch Fun haben.

Trauer und Schmerz gehören ebenso wie Freude und Lebenslust zu unserem Leben. Das Eine kann man ohne das Andere nicht wahrnehmen. Bestünde unser Leben nur aus Freude und Spaß, würden wir genau diese Gefühle nicht mehr als erstrebenswert empfinden. Verbannen wir Schmerz, Traurigkeit, Niedergeschlagenheit oder Verzweiflung aus unserer Gefühlswelt, verpassen wir wesentliche Aspekte des Spektrums, welches das Leben uns bietet. Die wirklich tollen, das Herz erwärmende Momente würden wir verpassen.

Nun stellt sich die Frage: Was für ein Wesen wären wir, wenn wir unsere Menschlichkeit ausschalten würden? Ich habe einige Bekannte danach gefragt. Die, zumindest für mich erstaunliche Antwort war: Dann wären wir nicht besser als die Tiere?
Diese Antwort impliziert, dass wir Menschen normalerweise besser sind als Tiere. Dieses Bessersein basiert offenbar auf der Menschlichkeit, die uns so besonders macht und aus der Natur heraushebt ....

Ist das so?

Also ich kann dieser Sichtweise nicht folgen. Doch um das zu erklären, sollte ich erst einmal definieren, was ich unter Menschlichkeit verstehe. Okay, das wäre genug Stoff für ein ganzes Buch, doch ich will es in sechs Punkten zusammenfassen, die ich für besonders signifikant halte.

1. Fühlen und seine Gefühle so einordnen können, dass man angemessen reagieren kann
2. Empathie für seine Sozialpartner aufbringen, also bereit und fähig sein, zu verstehen und nachvollziehen zu können, was in dem Anderen vorgeht und darauf angemessen reagieren
3. Verantwortung für Sozialpartner übernehmen, aber auch für Wesen die nicht aus dem unmittelbaren, sozialen Umfeld kommen. Das bedingt, dass man hilflosen Wesen eine Chance gibt und bereit ist, ihnen unter die Arme zu greifen
4. Bedingungslos lieben und in dieser Liebe alles für den- oder diejenigen zu geben, den bzw. die man liebt
5. Loyalität, also für die eigene Gemeinschaft eintreten, stets loyal gegenüber der Gemeinschaft/Familie sein und sie mit ganzer Kraft beschützen, wenn dies notwendig sein sollte
6. Die persönlichen Bedürfnisse in Balance zu den Bedürfnissen anderer bringen, um stets in einem harmonischen Ausgleich leben zu können.

Ich lebe ja nun schon seit gut 20 Jahren inmitten der Natur, beobachte Pflanzen und Tiere, wobei ich mit vielen Tieren in einer Art Sozialsystem zusammenlebe. Irgendwie ist es mir nicht gelungen, den Unterschied zwischen Mensch und Tier zu entdecken.
Ja, es mag seltsam klingen, aber dass die Menschlichkeit uns besser macht, als die Tiere, vermag ich nicht zu bestätigen. Unsere Tiere leben in einem sehr natürlichen Umfeld. Es war stets mein Ziel, ihnen den Raum zu geben, sich frei und gemäß ihren Instinkten entfalten zu können. Das Ergebnis meiner Beobachtungen ist schnell auf den Punkt gebracht: Die Tiere erfüllen all die o.a. Punkte, die eigentlich die Menschlichkeit umreißen sollten. Den entscheidenden Unterschied aber sehe ich in der Tatsache, dass Menschen durchaus in der Lage sind, ihre Menschlichkeit aus unterschiedlichsten Gründen abzuschalten. Bei Tieren habe ich nie beobachtet, dass sie aus ihrer Wesensart ausgebrochen sind und Dinge getan haben, die nicht ihrem wahren Wesen entsprochen haben. Künstlich traumatisierte Tiere, nehme ich davon mal aus.

Konkret beziehe ich das nicht nur auf Hunde, sondern auch auf Katzen, Pferde, Ziegen, Hühner, Enten usw. also auf all die unterschiedlichen Wesen, die hier in all den Jahren ein Zuhause gefunden haben. Entscheidend für mich ist das friedliche Miteinander der unterschiedlichen Arten. Selbst stark traumatisierte Seelen, deren Verhalten anfangs untypisch war, konnten wieder zu sich selbst finden. Warum? Einfach weil es eine Gemeinschaft gab, die sich empathisch verhielt, tolerant war und bereit war, neuen Mitgliedern eine Chance zu geben, ihnen den Schmerz zu nehmen und sie wieder zu dem Wesen werden zu lassen, das sie einmal waren. Das filigrane Sozialsystem der Natur machte es möglich. Artgenossen sind die besten Heiler.

Genau in diesem Punkt gibt es einen entscheidenden Unterschied zum Menschen. Bekommt ein Tier die Chance zu sich zu finden und in eine Gemeinschaft aufgenommen zu werden, ergreift es diese Chance immer, ohne die Gemeinschaft über die Maßen zu beanspruchen oder auszubeuten. Tiere bewahren stets die Balance. Menschen hingegen neigen häufig dazu, aus ehrlich gemeinter Hilfe einen Anspruch herleiten zu dürfen und dann die helfende Gemeinschaft auszunutzen.

Wenn ich mich im Alltag unserer globalisierten Welt umsehe, entdecke ich immer öfter, in welch erschreckendem Maß Menschen bereit sind, ihre Menschlichkeit auszuschalten und durch Egoismus zu ersetzen. Sie verlieren jedes Maß und jede Balance zwischen den eigenen Interessen und denen der Anderen. Ich befürchte, dass das Ausschalten der Menschlichkeit wie ein Virus weiter um sich greifen wird. Was aber ist ein Mensch ohne Menschlichkeit? Er wird sicherlich nicht zum Tier. Ich fürchte aber, dass er dann zum typischen Menschen wird, einem Wesen, das sich über alles und jeden erhebt und sich bereits das Potential geschaffen hat, die eigene Art vollständig auszurotten. Das ist in der Geschichte der Evolution ein einmaliger Vorgang. Nie hatte es eine Art darauf abgesehen, sich selbst zu vernichten, außer dem Menschen. Warum? Weil es schlicht und ergreifend gegen die Natur ist.
 

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