Donnerstag, 5. Mai 2016

Wie gelangt man zu Erkenntnissen?

Wenn mir plötzlich etwas klar geworden ist, schlage ich mir bisweilen vor die Stirn und frage mich: „Warum bin ich nicht schon früher drauf gekommen?“ oder „Warum hab ich´s nicht schon längst gemerkt?“ Dann ärgere ich mich über mich selbst und denke, ich sei zu vernagelt gewesen, um zu einer bestimmten Erkenntnis zu gelangen.

Irgendwann aber wurde mir klar, dass Erkenntnis etwas ist, das nicht wie ein Stern vom Himmel fällt, um, im Lichte seiner Gnade, den Menschen zu erleuchten. Zu Erkenntnissen gelangt man durch einen aktiven Prozess, besser gesagt durch einen Lernprozess. Dieser manifestiert sich in einer stufenweise Entwicklung der eigenen Wahrnehmungsfähigkeiten und der individuellen Sensibilität. Ungeduld ist dabei hinderlich, denn dieser Prozess lässt sich nicht erzwingen. Es ist nicht anders, als Wasser zu erhitzen. Man stellt den Topf auf den Herd und dann dauert es erst einmal seine Zeit. Das Wasser durchläuft bestimmte Phasen, erwärmt sich, Blasen steigen auf, es sprudelt leicht und dann, ja dann kocht es irgendwann und geht in einen neuen Aggregatzustand über, den Dampf. Festes hat sich aufgelöst, das Feinstoffliche kann sich verteilen und größere Räume einnehmen, als das Feste es je konnte. 1 Liter Wasser ist physikalisch definiert, wiegt 1 Kilo und nimmt z.B. den Raum in einem Würfel mit einer Kantenlänge von 10cm ein. Wasser in Form von Dampf hingegen ist flüchtig und nicht klar definierbar, was seine Räumlichkeit angeht.

Unser Geist strebt nach Erkenntnis, aber dazu muss er festgefahrene Strukturen verlassen, frei werden und sich „verteilen“ können. Das alles braucht Zeit und Geduld, die jedoch am Ende belohnt wird, falls … ja falls es uns keine Angst macht, die festen Strukturen unseres Denkens aufzugeben und unsere Denkweisen von der Leine zu lassen. Nicht alles, was wir denken oder glauben erkannt zu haben, mag passend oder richtig sein, aber solange wir den Prozess zur Erkenntnis nicht fördern, werden wir wohl nie zu den Einsichten gelangen, von denen wir tief in unseren Herzen spüren, dass sie richtig sind. Das aber ist die Voraussetzung dafür, dass man seinen persönlichen Einsichten mit ganzer Kraft folgen kann und sie zum festen Teil seiner Handlungen und damit seines Lebens macht.

Für mich ganz persönlich ist dieser Prozess genau das, was meinem Leben einen Sinn gibt. In jungen Jahren habe ich den Prozess des „Erhitzens“ angestoßen und in der Mitte meines Lebens konnte ich genau das schaffen, was ich tief in mir fühlte und was mir heute, im fortgeschrittenen Alter, den Sinn meines Lebens eröffnet hat – wahrscheinlich auch den Erfolg.

Lernen wir Menschen, diesen Prozess in uns zu erlauben, kann jeder Einzelne diese Welt ein wenig besser machen, sie aktiv gestalten, an irgendeiner Ecke etwas bewegen. So bekommt dann jedes Leben auch einen tiefen Sinn und erfüllt das Herz desjenigen, der es gelebt hat.
 
 

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