Samstag, 21. Mai 2016

Das Abendessen

„Hey Dad“, rief die kleine Bonny, „ist das richtig, dass Algodao die Ketchupflasche herumschleppt, alles verteilt, knurrt und ruft:
'Grrrr, ich bin ein Vampir und trinke Euer Blut!'“
„Nee Bonny, das ist nicht richtig“, antwortete Victor.

Seine unruhigen Augen trieben hektische Blicke über die Terrasse. Victor sprang das blanke Entsetzen ins Gesicht. Der, für das Abendessen bereits gedeckte Tisch hatte seine zweckgebundene Ordnung eingebüßt. Die Salatschüssel schien sich verzweifelt zu bemühen, am Tischrand nicht das Gleichgewicht zu verlieren und ihren Inhalt nicht auf den Natursteinen zu verteilen. Kleine Fetzen, die zusammengesetzt einstmals eine Papierserviette darstellten, tanzten in der angenehm kühlen Abendbrise, Schmetterlingen gleich, auf Augenhöhe an Victor vorbei. Schweiß trat ihm auf Stirn und Nasenrücken, trotz angenehmer Temperaturen.
„Sag ich doch!“, kommentierte Bonny das Entsetzen ihres Ziehvaters. „Aber Algodao hört ja nicht auf mich.“
Zwei ausladende Schritte brachten Victor dem Tisch näher. Flinke Hände schoben die verbliebenen Reste von Geschirr, Salat, Brot, diversen Aufstrichen, sowie Olivenöl und Balsamico in der Mitte zusammen. Glücklicherweise war die umgestürzte Flasche Brinkhofs Nr. 1 noch nicht geöffnet, sodass sich der Inhalt nicht über den dunklen Holztisch hatte ergießen können. Dieses Bier war ein Geschenk von sehr guten Freunden aus Deutschland gewesen und Victor trank es nur zu ganz besonderen Anlässen. Heute war so ein Anlass. Nach einem extrem langen und, für die Algarve ungewöhnlich harten Winter, hatten Karin und Victor beschlossen, das Abendessen auf die Terrasse zu verlegen. Es war der 20. Mai. Endlich hatte das Thermometer die 25-Gradmarke geknackt und sich an die psychologisch wichtigen 30 Grad herangewagt. Jetzt, gegen 20:30H gab der Temperaturmesser noch immer satte 24 Grad bekannt.

Victor hatte demonstrativ seine warme Winterjacke in die Waschmaschine gepackt und gegen eine Kapuzenweste in tiefem Blau eingetauscht. „Sommer!!!“, hatte er gerufen und zum ersten mal seiner Karin wieder auf den knackigen Hintern gehauen, denn sie trug hautenge Shorts.

„Hey Dad, was machen wir nun?“, sah Bonny ihn erwartungsvoll an. „Mama kommt gleich aus dem Bad und denkt, alles sei vorbereitet.“
„Stimmt, Du hast recht, wir wollten ja eigentlich alles schön vorbereiten, während sie sich schminkt und die Haare arrangiert“, hielt Peter inne.
„Ja und Algodao hat´s jetzt versaut, vor allem ist der Ketchup weg und Mama´s Lieblings-Knoblauchsoße hat er auch geschreddert“, zog Bonny die Mundwinkel nach unten.
„Pass auf, wir machen Folgendes“, schlug Victor vor, „Du nimmst dem Vogel den Ketchup ab und bringst die Reste der Knoblauchsoße zurück. Ich hole kleine Schüsselchen, in die wir alles reinschütten und ich richte derzeit den Tisch wieder her. Aber beeil Dich, Bonny!“

Bonny rannte zur tiefer liegenden Wiese. Victor trollte sich in die Küche, um neue Servietten zu holen, frisches Brot aufzuschneiden und eben diese kleinen Keramikschüsselchen zu suchen.

Keine 5 Minuten später trafen sich Vater und Ziehtochter wieder am Tisch. Bonny hatte die Reste der Knoblauchsoßenflasche zwischen den Zähnen. Gesenkten Blickes folgte ihr Algodao mit den Überbleibseln der knallroten Ketchupflasche. Wortlos, aber mit strafendem Blick in Algodao 's Richtung, nahm Victor alles entgegen. Ein kleiner Teelöffel kratzte die Reste aus dem zerkauten Plastik und verteilte sie in die Keramikgefäße.
Noch schnell das Besteck vom Boden aufheben und auf den frisch gefalteten Papierservietten platzieren, dann war alles fertig. Nur für einen Sekundenbruchteil blieb sein Blick an der geschmackvollen Gestaltung hängen. 'Bom Appétit' stand da zu lesen, doch der war Victor gründlich vergangen.

„Oh, das habt Ihr aber toll gemacht!“, trat Karin aus der Wohnzimmertüre. „Und die Soßen sogar in Schüsselchen gefüllt“, wog sie anerkennend den Kopf hin und her, „echt stilvoll.“
„Naja … also … man gibt sich halt Mühe“, fuchtelte Victor unkoordiniert mit den Händen herum.
„Ach und mein Algi-Bär ist auch schon da, mein süßer, großer Hund, so ein Schatz“, säuselte Karin uns streichelte ihrem Hund zärtlich über den Kopf. „Hat er denn schon ein Leckerchen bekommen?“

Bonny sah ihren Dad kopfschüttelnd an. „Mama und ihr Algi-Bär“, murmelte sie.
Victor erwiderte das Kopfschütteln seiner kleinen, frechen Tochter, sagte aber nichts.

Ein kurzes Schweigen begleitet Karins fragenden Blick. Victor antwortete mit einem kurzen: „Ich hol dann mal die Spaghetti“ und entschwand. Dennoch hörte er wie sie sagte: „Komm her mein süßer Knuddelbär, du bist doch der Beste!“
 
 

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