Samstag, 14. Mai 2016

Männerfreundschaften

Cascas saß sinnierend am Ufer des Lake Bravura. Die Mittagssonne hatte leichtes Spiel. Keine Wolke hinderte sie daran, ihre flirrende Hitze über dem Land zu verteilen. Das Wasser erreichte Badewannentemperatur. Wäre da nicht diese leichte Brise gewesen, die vom nahen Atlantik herrüberwehte, es wäre unerträglich geworden. Er war den Windgeistern dankbar, vermochten sie es doch, ihm die gebotene Kühlung zu verschaffen. Hin und wieder unterbrach ein leises Plätschern die allumfassende Stille. Eine Forelle hatte sich für die Dauer eines Wimpernschlags aus dem Wasser geschraubt, einer Mücke nachgestellt, um dann unverrichteter Dinge wieder einzutauchen. Die Hitze hatte sogar die allgegenwärtigen Vögel verstummen lassen. „Den Grillen macht die Hitze wohl nichts aus“, dachte Cascas, vom aufdringlichen Zirpen genervt. Seinen Blick strich über die leicht gekräuselte Wasseroberfläche.
Ein leises Rauschen, das Gefahr lief in eine Art Schnarchen zu münden, drang an sein Ohr. Gleichmäßig passierte der Atem kaum geöffnete Lippen, die, teilweise von einem weißen Bart eingerahmt, durch die Schatten eines Eukalyptusbaumes beschützt wurden. Peter war eingeschlafen.

„Kein Wunder“, dachte Cascas, den Peter liebevoll seinen Cashi-Bär nannte. „Wir sind ja auch durch´s Wasser getobt wie die Wilden“, zog er die Winkel seiner Lefzen zu einem Lächeln nach hinten. „Spielen, oh Mann, ich wusste gar nicht, dass ich so was kann. Spaß haben, lachen, das Leben genießen, das hat mir niemand beigebracht. Dabei ist es so einfach.“

Cascas schüttelte nachdenklich den Kopf. Bedrückende Bilder aus vergangenen Tagen drängten sich in die, gerade erst gewonnene Ruhe seines Geistes. Es waren angstbesetzte Bilder, zeigten sie doch die hässliche Fratze menschlicher Abgründe. Blutrote Gesichter betrunkener Männer, die mit Geldscheinen herumwedelten, während er in einem, von Strohballen eingerahmten Rund, sein Leben verteidigen musste. Den anderen armen Kerlen, die man in diese Arena geworfen hatte, ging es nicht besser. Ja, mit den Jahren waren es viele geworden. Er erinnerte sich nicht mehr, wie viele es waren, aber viele, sehr viele … Nein, er hatte eigentlich gar keine Lust, mit ihnen zu kämpfen, sie zu verletzen, sie in Stücke zu reißen, aber tat er es nicht, dann taten sie es mit ihm.

Seinen ersten Kampf und auch den zweiten Kampf hatte er damals verloren, war dennoch mit dem Leben davon gekommen. Die anschließenden Prügel von Rodrigo, seinem Besitzer, waren schlimmer als die zahllosen Bisswunden, die er im Nacken und an den Vorderläufen davongetragen hatte. Rodrigo war ein Arsch, ein Schmuggler, der in seinem Lager Hehlerware versteckte, Tabak und Alkohol. Er hasste ihn, nicht nur weil er ihn laufend in diese Arenen schickte, sondern weil er undankbar war. Anstatt ihn nach einem Sieg zu loben, ihm besonders gutes Essen zu geben und ausreichend Wasser, sperrte er ihn auf dem Hof des Lagers ein, mit ekeligem Fraß aus Essensresten. Er sollte aufpassen, jeden vertreiben, der es wagte, dem Zaun zu nahe zu kommen.

Cascas drehte den Kopf zu Peter, seinem besten und auch einzigen Männerfreund, wobei … nicht ganz. Es gab da noch einen Männerfreund, einen recht kleinen Kerl namens Noddy, ein lauter Bursche, frech und dreist, aber man konnte ihm nicht böse sein. Ein inneres Lachen hellte Cascas' traurige Stimmung wieder auf. Dieser Noddy, oh Mann, er war ein Pekinese, dessen ganzer Körper nicht größer als Cascas' Kopf war. „Was ein Typ“, sinnierte der massige Kampfhund und schüttelte ungläubig den Kopf.

Er erinnerte sich noch gut daran, dass Rodrigo ihm schmerzhaft beigebracht hatte, alle Rüden ohne Vorwarnung anzugreifen. „Noddy? Angreifen? Nee, nicht wirklich.“ Cascas entließ einen Seufzer. Er würde nie mehr einen anderen Hund angreifen, ganz sicher nicht. Selbst der Nachbarshund, er hieß Chico, war zwar nicht sein bester Kumpel geworden, aber man respektierte sich. Nein, Chico war kein Pekinese, sondern ein durchaus stattlicher und vor allem unkastrierter Rüde, der wusste was er wollte. Klar, echte Männer sind nicht kastriert, war Peter ja auch nicht.

Cascas stand auf, ging zu Peter und stubste ihn vorsichtig an, um ihn zu wecken. „Komm Alter, wir müssen nach Hause“, sagte er zu ihm.
„Okay, dann lass uns fahren“, antwortete Peter nach einem ausgiebigen Gähnen und sich Strecken.
Gemäßigten Schrittes schlappten die Beiden zu ihrem MännerJeep, stiegen ein, ließen den 3,5Liter 6 Zylinder röhren, legten den Allrad ein und bretterten quer durch's Gelände Richtung Quinta.

Cascas hatte auch an diesem Tag wieder etwas gelernt, nämlich wie schön das Leben sein kann, wie wertvoll es ist und was es bedeutet, das Leben zu genießen.
Ja, das war im Jahr 2013, als Noddy, Cashi-Bär und ich echte Männerfreunde wurden, die wussten, was Vertrauen wirklich bedeutet. Unser Geist ist für immer verbunden und unsere Freundschaft wird bis in alle Zeiten währen. 
 
 

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