Dieses Thema fiel mir schon vor längerer Zeit auf die Füße, als die 2. Auflage meines Buches "Retro 2032 - Sie vergaßen das Gestern" auf den Markt kam. Ich bekam nicht wenige Zuschriften, die mein Buch zwar toll fanden und auch spannend, aber "viel zu realistisch und zu zeitnah". Vor allem jüngere Menschen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren meinten, sie wollten sich mit diesen hochaktuellen Themen lieber nicht beschäftigen, da sie ihnen Angst machen und man ja sowieso nix ändern könne, da die Politik eh macht, was sie will.
Zuerst war ich geschockt, musste unwillkürlich den Kopf schütteln und verstand diese Haltung nicht. Das änderte sich jedoch beim 2. Hinsehen.
Als ich das Buch 2012 schrieb, waren viele Ereignisse zwar vorhersehbar, aber noch nicht eingetreten. Die Leute lasen das Buch also als eine prickelnde Fiction, knapp an SiFi vorbei. Die 2. Auflage erschien dann 2015 und siehe da, es war kein SiFi mehr, sondern in Teilen bereits Realität, was ich so bald auch nicht erwartet hatte. Genau diese Realität, in der wir ja mittlerweile leben müssen, führt offenbar dazu, dass sich nicht wenige Menschen eher zurückziehen, die Augen verschließen und sich ihre eigene, kleine heile Welt basteln, in der sie leben wollen.
Ja, mir ist schon klar, dass es auch ganz viele Menschen aller Altersklassen gibt, die anders denken und das macht auch Mut. Außerdem sehe ich auch nicht unbedingt einen Widerspruch darin, sich seine eigene, kleine heile Welt zu bauen, in der man nach seinen ganz persönlichen ethischen Regeln lebt, ohne dabei den Blick auf die Realität zu verschließen bzw. sich ganz von ihr abzuwenden. Ich habe für mich Wege gefunden, beides miteinander zu verbinden, doch es war ein Lernprozess. In dem was wir/ich hier tun, können wir ja den Blick vor der Realität gar nicht verschließen, denn wir werden mit Grausamkeiten konfrontiert, die teilweise unvorstellbar sind. Das hat auch zur Folge, dass wir häufiger, als uns lieb ist, mit dem Tod umgehen müssen, eine Erscheinungsform der Realität, der letztlich niemand entkommen kann.
Mein Ziel war es schon immer "ein Zeichen zu setzen", um es mal modern auszudrücken. Dieses Zeichen galt vor allem unseren Schützlingen, denen ich eine heile Welt anbieten möchte, in der sie sich von den Traumata der Realität erholen und friedlich leben können. Natürlich gilt dieses sprichwörtliche Zeichen auch den Menschen, die das Leid verursachen und damit meine ich nicht nur Tierquäler, Sadisten oder unachtsame Autofahrer, die angefahrene Tiere einfach liegenlassen. Gemeint sind auch Menschen, die aus dem Leid Anderer (egal ob Mensch oder Tier) ihren persönlichen Profit ziehen und dabei in Kauf nehmen, dass sie das Leid vergrößern, statt es zu lindern.
Mit einem Wort: ich bin tagtäglich mit dem Spannungsfeld aus "Heiler Welt vs. Realität" befasst. Wir/ich haben uns hier eine heile Welt geschaffen, eine Welt mit ganz eigenen Regeln, vor allem mit einer Struktur im Zusammenleben von Mensch und Tier, die von sog. Fachleuten als unmöglich angesehen wurde. Ich habe stets an genau das geglaubt und es letztlich auch umsetzen können. Auf dem Bauernhof, also unserer Quinta, mit dem weitläufigen wilden "Tal der Raben", entstand eine kleine heile Welt, in der ein friedliches Miteinander möglich ist, in der die Natur den Respekt erfährt, den sie verdient und in der wir beiden Menschen selbst zu einem Teil der Natur geworden sind.
Was wird aus Menschen, die so leben???
Nun, ich bin nicht der vollbärtige, ungewaschene und wortkarge Einsiedler, der abends am Kamin seine Pfeife raucht und selbstgebrannten Fusel trinkt, während er tiefsinnig in die Flammen starrt. Meine Frau Karin ist auch nicht die schmuddelige Einsiedlerin im langen Kleid, dem selbstgestrickten Pulli und den schlampig zusammengebundenen Haaren, die ihren Hippiejahren in den 70ern nachtrauert.
Im Gegenteil sind wir weltoffene Menschen, die sich keineswegs angewidert wegdrehen, wenn die Politik mal wieder völlig daneben ist und Dinge tut, die der normal denkende Mensch kaum nachvollziehen kann. Wir sind gut informiert und engagiert, wir haben klare Standpunkte, beschäftigen uns mit den aktuellen Themen, belassen es aber nicht beim Meckern am Stammtisch, sondern versuchen, etwas zu verändern, wenn auch im Kleinen, denn zwei relativ alte Menschen können sicher nicht die Welt aus den Angeln heben.
Unsere Arbeit ist kräfteraubend, körperlich sicherlich auch, aber vor allem die Psyche leidet doch sehr, angesichts des Leids, mit dem wir konfrontiert werden. Sieht man dann Leid im Fernsehen, so trifft es einem umso tiefer, denn man kennt das, was Helfer in der 3. Welt berichten, die sich um hungernde, kranke Menschen/Kinder kümmern. Menschliche Armut und Leid erleben wir auch hier am laufenden Band, nur leider interessiert es niemanden und es wird kaum darüber berichtet. Selbst die Berichte über die Armut in Griechenland sind ja von Brexit, Türkei, IS & Co verdrängt worden. Wir kennen erst recht die Gefühle der Menschen, die z.B. in Afrika gegen das Abschlachten von Nashörnern und Elefanten kämpfen und immer wieder mit verstümmelten und geschundenen Kadavern konfrontiert werden. Aktuell wird wieder gegen das Abschlachten von Walen gekämpft, doch ausgerechnet das politisch korrekte und umweltbewusste Norwegen stellt sich mit aller Kraft gegen dieses sinnlose und grausame Töten.
All das und noch Vieles mehr prägt die Realität um uns herum, die wir nicht ignorieren sollten, denn wir können sie nur verändern, wenn wir informiert sind, die Fakten kennen und nicht einfach irgendwelchen Sprücheklopfern hinterher rennen. Letztlich liegt es doch an uns, die Welt so zu gestalten, wie wir in ihr leben wollen. Wir müssen eben nur informiert sein, um wirklich den eigenen Standpunkt definieren zu können. Bisweilen kommt es mir so vor, als seien Medien und Internet kontraproduktiv zur Informationsvielfalt, denn Versimplifizierungen, populistische Reduzierungen komplexer Zusammenhänge nehmen zu, obwohl es ein Leichtes geworden ist, sich umfassend zu informieren. Damit wären wir wieder bei dem, was ich zu Beginn dieses Posts geschildert habe.
Genau deswegen ist es so wichtig, dass jeder sich seine eigene kleine heile Welt schafft, die ihm Kraft gibt, die ihm eine Rückzugsmöglichkeit schenkt und die er ganz nach seinen Vorstellungen gestalten kann. Hier können wir uns selbst am besten definieren, herausfinden, was wir wirklich für unsere Welt wollen. Erst dann können wir den Kopf wenden und der Realität ins Auge sehen, um sie umzugestalten. Meine heile Welt besteht aus 2 Elementen:
1. meine Familie, bestehend aus den klassischen Komponenten Frau, Kind, Hund, Enkelchen und Schwiegersohn
2. mein Zuhause bestehend aus reichlich Natur, einem wild lebenden Hundeclan mit 4 Rudeln, nebst anderen Tieren, die aus Notsituationen zu uns gekommen sind und vielen Gumminasen, die tagtäglich unserer Unterstützung und Pflege bedürfen, weil sie alt und krank sind.
Naja und das Schreiben ist eben meine zweite Berufung, ebenso wie die meiner Frau Karin. Wir wollen das, was wir erleben, denken und fühlen, mit der Welt teilen und auch über das Wort dazu beitragen, dass sich die Dinge ändern. Mag sein, dass an einem fernen Tag die heile Welt und die Realität keine Gegensätze mehr sind. Daran zu glauben, sollte man nie aufgeben.
P.S. Die Fotos zeigen einen Teil unseres Hundeclans am Abend, wenn es aus dem Tal zur Fütterung geht, die übrigens auch bei 90 Tieren stets friedlich abläuft.


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