Sonntag, 16. Oktober 2016

Träumen sollte man folgen

Nein, ich meine jetzt nicht die Träume, die einen nachts begleiten, wobei das sicherlich ein interessantes Thema ist, wie ich aus eigener Erfahrung berichten kann. Mir geht es in diesem Beitrag um die Träume, die man für sein Leben, seine Zukunft und seine Leidenschaften entwickelt. Modern nennt man sowas wohl "Lebensentwurf", was mir allerdings schon wieder zu verkopft gilt, denn man kann sein Leben nicht am Reißbrett entwerfen, sofern man lebendig bleiben will.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man seinen Lebenstraum immer im Focus behalten sollte, egal was einem die Mitmenschen, Eltern oder Freunde auch dazu sagen. In einer Angstgesellschaft, in der wir zweifellos leben, werden Träume gerne als Gefahr angesehen, weil sie unrealistisch erscheinen und womöglich Gefahren bergen. Man könnte ja scheitern, der soziale Abstieg droht, das finanzielle Desaster ... usw. Deswegen ziehen es viele Menschen vor, die Träume der Jugend und des frühen Erwachsenenalters aufzugeben und sich lieber der "Vernunft" und dem "Soliden" hinzugeben. Logisch dass dann, in den späteren Jahren, Frust und Unzufriedenheit folgen, die bisweilen auch in wirklich unvernünftigen Reaktionen ihren Niederschlag finden. Fruist und Unzufriedenheit prägen daher auch unsere Gesellschaft, die Gesellschaft des Neids, des sich gegenseitig Niedermachens und der Abwerstens Anderer.

Mein Weg war das nicht. Ich hatte schon als Kind und Jugendlicher den Traum, in der Natur zu leben, war von der Pflanzen- und Tierwelt fasziniert und hasste Großstädte. Die Bücher von Jack London - "Ruf der Wildnis" oder "Wolfsblut" haben mich fasziniert. Ich habe die Bilder immer in meinem Kopf und meinem Herzen bewahrt und sie gepflegt, auch wenn mein Leben zuerst einmal einen ganz anderen Weg einschlug. Ich war Realist genug, um zu wissen, dass man nicht einfach nach Canada auswandern kann, eine Blockhütte bauen und dann Bären und Wölfe jagen. Derartiges scheitert bei mir schon daran, dass ich niemals ein Tier töten könnte. Naja und von einem veganen Biohof in der canadischen Wildnis hat man eher selten gehört. Es ist auch nicht entscheidend, ob man nun ganz genau dem nacheifert, was man mal gelesen oder im Film gesehen hat. Für mich war immer das Gefühl wichtig, das sich tief in mir an die Bilder knüpfte, denn letztlich sollte das Gefühl, die Leidenschaft und die Liebe zu etwas regieren und nicht Bilder aus Hollywood, die einem etwas sugerieren. Genau dieses Gefühl habe ich mein Leben lang im Herzen bewahrt, ohne zu wissen, wie es mich zu einer realen Umsetzung führen würde. Es war auch nicht wichtig, denn als fühlendes Wesen, sollte man sich weder von vorgefertigten Bildern Anderer leiten lassen, noch von den Meinungen der Mitmenschen. Bilder oder Szenarien aus Filmen sind letztlich doch der Ausdruck dessen, was ein anderer Mensch fühlt. Es mag sein, dass sich das in Teilen, ggf. auch in weiten Teilen, mit meinen eigenen Gefühlen deckt, letztlich aber kann es nie eine 100%ige Deckungsgleichheit geben. Wir sind allesamt Individuen, was leider gerne vergessen wird. Der Mensch ist kein "Massenphänomen" und kann/sollte auch nicht gleichgeschaltet werden, auch wenn es der aktuelle, politische und soziale Trend ist. Gefühle sind nur rudimentär in Worte zu fassen, vor allem aber sind sie absolut individuell und einzigartig bei jedem Menschen anders. Wenn 100 Naturliebhaber ein tolles Naturfoto gezeigt bekommen, verknüpfen sie dennoch 100 verschiedene Gefühle damit, abhängig von Erziehung, Erfahrungshorizont, Vorlieben und Wahrnehmungsfocus. Klar, am Ende werden sie alle sagen: "super, soooo schön, da möchte ich jetzt auch sein", aber das beschreibt nur ansatzweise ihre wahren Gefühle, die sich nun mal nicht in Worte fassen lassen.

Als der Tag kam, an dem sich mein Leben radikal verändern sollte und ich meinen Traum ausleben durfte, leiteten mich keine Bilder aus Jack Londons Romanen, sondern Gefühle. Ok, ich stand in der Wildnis mit meinem Geländemotorrad, irgendwo im Hinterland der Algarve, während eines Urlaubs. Dann aber sah ich etwas, in einem locker bewaldeten Tal und meine Gefühle brachen durch, verbanden sich mit dem realen Bild vor meinen Augen und ich wusste, dass ich angekommen war. Ich sah mein heutiges Zuhause, diesen uralten Bauernhof, sah ein wildromatisches Tal, zirkelte mein Motorrad über einen schmalen Bergpfad zu dem, in meinen Augen wunderschönen Haus und hatte das Ziel meines Traumes erreicht. Ich spürte, dass dies nicht nur mein Zuhause werden würde, sondern auch das Ziel all meiner Träume war: altes, historisches Gemäuer, eingebettet in eine ziemlich unberührte und wilde Natur.

Man sollte seine Träume bewahren, wie einen Schatz und sie solange mit sich herumtragen, bis das Schicksal eine Tür aufstößt und einem den Weg weist, sie zu erfüllen. Träume zu leben bedeutet für mich, zu fühlen wo der eigene Platz auf dieser Welt ist. Ich bin davon überzeugt, dass wirklich jeder seinen individuellen Platz finden kann, solange er tief im Herzen den Schatz seiner Träume schützt und ihn niemals vergisst. Letztlich machte es für mich keinen Unterschied ob Blockhütte in Canada oder historischer Bauernhof an der Algarve, denn mein Herz sagte mir, wo ich richtig war und genau da lebe ich bis heute.

Es war dann die logische Konsequenz, dass sich reichlich Tiere in mein Leben gesellten, die des Schutzes bedurften. Diese Welt besser zu machen, gehörte auch zu meinen Träumen und die dazu notwendige Opferbereitschaft ist wohl Teil meines Charakters.
Ok, dass genau dieser Teil auch zum Alptraum werden kann, gehört wohl dazu. Jedes Leben muss zwangsläufig aus zwei Seiten bestehen, denn unsere ganze Welt ist nun mal dual angelegt. Für mich war es der Alptraum, mehr Leid zu sehen, als ich mir bis dato vorstellen konnte. Erweitert wurde der Alptraum dann noch durch einen Blick in die Abgründe menschlichen Handelns. Ich muss zugeben, dass mich genau das sehr verändert hat. Auch wenn man weiß, dass nicht alle Menschen Engel sind, so ist man doch schockiert zu erleben, dass vor allem der "Normalo", Schatten in sich trägt und auch auslebt, die man für undenkbar gehalten hätte. Es ist eben ein Unterschied, ob man bestimmte Dinge im Fernsehen sieht oder selbst live erlebt. Mein Menschenbild hat sich gewandelt, obwohl ich noch immer an das Gute glaube, habe ich jede Naiviät abgelegt und auch mein Vertrauen in Menschen ist massiv geschwunden. Früher habe ich nie verstanden, wie jemand im KZ tagsüber hunderte Menchen misshandeln und töten konnte, um dann abends zuhause mit Frau, Kindern und Schäferhund gemütlich beim Abendessen sitzen und später den Kleinen eine Gutenachtgeschichte vorlesen konnte. Mittlerweile habe ich begonnen, diese Mechanismen zu begreifen, ohne sie wirklich zu verstehen, aber das will ich auch gar nicht.

Träume zu leben bedeutet bei Weitem nicht, das permanente, dauerhafte Glücklichsein, eher im Gegenteil. Es bedeutet in meinen Augen aber, dass man seinen tiefen inneren Gefühlen zum Durchbruch verhilft und authentisch lebt, fern von künstlicher, aufgesetzter Angepasstheit und Verlogenheit. Meine Träume zu leben, bedeutet für mich, mich einer grausamen Realität zu stellen, nicht wegzusehen und meine Pflicht gegenüber meinen Schützlingen zu erfüllen, egal wir hart das auch sein mag.



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