Samstag, 2. April 2016

Victor und Jasmin - Die Cordhose

Tja, nun habe ich manchen Leser meines Blogs verwirrt. Das war zwar nicht meine Absicht, aber hat mich auf eine Idee gebracht. Ich werde die Verwirrung Stück für Stück in den weiteren Fortsetzungen aufklären. Ihr werdet erfahren, wer Victor ist und wer seine Jasmin ist. Es lohnt sich also, die Geschichten aus meinem Alltag weiter zu verfolgen.

"Wie findest du den Pullover?", kam Jasmin ins Wohnzimmer gerauscht und baute sich zwischen Victor und dem Fernseher auf.
"Guten Abend mein Damen und Herren, ich begrüße sie zur Tagesschau", drängte sich jedoch die freundliche Stimme von Judith Rakers in den Vordergrund.
Victor hatte gerade die Lautstärke auf Level acht angehoben. Nun legte er, begleitet von einem genervten Seufzen, die Fernsteuerung aus der Hand.
"Schön", kommentierte er kurz, zog jedoch, eher unwillkürlich, die Mundwinkel nach unten.
"Na, das klingt ja nicht überzeugend", machte Jasmin aus ihrem Unmut keine Hehl.

Wieder war diese blöde Tagesschautussi wichtiger als sie. Er scheint nur Augen für diese Judith zu haben, ärgerte sie sich, kleidete es jedoch nicht in Worte. Mit der Präsenz einer Statue von Michelangelo hatte sie sich aufgebaut. Sie beabsichtigte auch nicht, etwas daran zu ändern, jedenfalls nicht so lange, bis sie Victors ungeteilte Aufmerksamkeit besaß. Ihr strenger Blick fixierte ihn.

Erstarrung, wie nach einem Schockfrost, legte sich über die Szene im altehrwürdigen Wohnzimmer von Burg Bellenstein. Judith quakte im Hintergrund etwas von gesunkenen Flüchtlingszahlen, doch wen interessierte das schon? Jasmin jedenfalls nicht, lebte sich doch gute zweieinhalbtausend Kilometer weit entfernt vom Geschehen. Warum also interessierte es Victor? Seine, fast schon leidenschaftlich wirkende Faszination für Politik, Nachrichten und Politmagazine konnten nur einen einzigen Grund haben und der hieß Judith ... oder ... ihre Gedanken hielten kurz inne ... oder Maybrit, vielleicht sogar beide Damen? Und was war mit den anderen Schönheiten, die mit klugen Statements die aktuellen Tagesereignisse kommentierten? Dann fiel es ihr wieder ein. Ja, genau, da gab es noch einige mehr. Diese Linda zum Beispiel, auch bei der Tagesschau und dann Vanessa ... naja, die war eh viel zu jung. Nein, korrigierte sie sich. Nein, Vanessa schied aus, die war ja bei DSDS und keine Polittussi.

Victor atmete tief durch und griff nach der Fernsteuerung des SAT Receivers. Er drückte die TimeShift Taste. Judiths Meldungen erstarben mitten im Wort.

"Sehr freundlich! Vielen Dank, dass ich in deinem Leben überhaupt noch stattfinde, wenn auch nur marginal", kommentierte Jasmin in spitzem Tonfall.
Victor ließ lautstark die Luft durch seine geschlossenen Lippen entweichen. "Okay, okay, ich höre dir zu", gab er nach und sah sie erwartungsvoll an.
"Du sollst mir nicht zuhören, du sollst mich ansehen!", mahnte Jasmin und glitt mit ihren grazilen Fingern über die weiblichen Formen ihres Oberkörpers.
"Nichts lieber als das", versuchte Victor die Situation zu retten, denn schlagartig war ihm sein Faux-pas bewusst geworden.
"Schön wär´s ja", zickte sie zurück. "Was ist nun mit dem Pullover? Findest du ihn gut oder nicht? Du willst doch immer, dass ich perfekt gestylt bin, selbst wenn wir einkaufen fahren."
"Klar will ich das!", versuchte Victor vergeblich einen überzeugten Unterton in seine Worte zu legen. "Der Pullover ist klasse, gefällt mir."
"Und die Hose?", hakte Jasmin nach.
"Super! Sitzt knackig am Po, betont deine Figur perfekt. Alles toll", versuchte er die Stimmung zu drehen.
"Lügner!", kam es unvermittelt zurück. "Du magst doch Cordhosen gar nicht."
"Jaaaa", atmete er tief durch. "Normalerweise nicht, aber an dir sehen sie knaller aus, echt."
"Also ich finde, sie macht mir einen breiten Arsch", drehte Jasmin sich zur Seite, um Victor ihre Silhouette zu präsentieren.
"Neee, also find ich gar nicht, da hat man wenigstens was zum anfassen und bei deiner Figur ...", ließ er den Satz unvollendet.
"Naja, Judiths Hintern sieht man ja nie", drehte sie ihm nun ganz den Rücken zu, während ihr Blick den Fernseher mit der eingefrorenen Tagesschausprecherin streifte. "Somit kannst du das also nicht wirklich vergleichen."
"Hä? Vergleichen?", suchte er nach dem Sinn ihrer Worte.
"Du weißt schon, was ich meine", drehte sie sich wieder zu ihm. "Ich werde doch die schwarze Jeans anziehen", sprach´s und entschwand ins Schlafzimmer.

Victor schüttelte den Kopf und verkniff sich den abgenutzten Ausruf "Frauen!". Nachrichten, Dokus, Politmagazine, all das war Teil seines Wirkens als Autor. Umfangreiche Recherchen waren nun mal das A und das O eines guten Buches. Ging es im Buch auch noch um zeitnahe Themen, dann mussten die Details erst recht stimmen und gut recherchiert sein. Wie sollte er sich eine Meinung bilden, den eigenen Standpunkt definieren und Stellung nehmen, wenn er nicht informiert war? Einfache Parolen waren nicht sein Ding. Er versank im Tiefgründigen, wollte Hintergründe aufdecken, Zusammenhänge herstellen. Okay, bei seinem aktuellen Buch, einem Roman mit autobiographischem Hintergrund, waren Recherchen eher zweitrangig. Schließlich kannte er sein Leben ja gut genug, aber bald würde er an seiner hochaktuellen Trilogie weiterschreiben. Immerhin war der erste Band sehr erfolgreich bereits in der 2. Auflage erschienen. Ja, und da musste er am Puls der Zeit bleiben und wissen, was ...

"So besser?", schneite Jasmin ins Wohnzimmer und grätschte in seine Gedanken.
"Toll, noch besser als je zuvor, so knackig", schwärmte er, "sollen wir das Einkaufen nicht verschieben?"
Jasmin grinste. "Nein mein Lieber, die Chance hast du vertan. Jetzt wird eingekauft, Tüten geschleppt und dann sehen wir mal weiter."

Ihre stahlgrauen, schwarz umrandeten Augen weiteten sich. Er glaubte, ein leichtes Zwinkern erkannt zu haben. Ist das jetzt ein Versprechen?, fragte sich Victor in diesem Augenblick. Nur eine Zehntelsekunde später griff er erneut zur Fernsteuerung. Diesmal betätigte er den roten Knopf. Judith entschwand im digitalen Schwarz des Samsung LED Bildschirms und sagte nichts mehr. Die Flüchtlinge sind morgen auch noch da, dachte er.

Jasmin zog die rechte Augenbraue hoch und gestattete einem vielsagenden Lächeln, ihr Gesicht zu erhellen. Als ihre Zunge die Lippen befeuchtete, war Victor sich ganz sicher: heute hatte er alles richtig gemacht.

Ob Victor wirklich alles richtig gemacht hatte, erfahrt Ihr dann in der nächsten Fortsetzung der komplizierten Lovestory zwischen Jasmin und ihrem Victor.


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