Victor saß vor seinem Computer und las laut aus seinem Buch vor:
Zärtliche Berührungen zogen ihn sanft hinüber, in die Welt der Sinnlichkeit. Ihre feingliedrigen Finger verloren sich in seinen Stirnfalten, den typischen Denkerfalten. Er genoss es, als Susan ein paar Strähnen seiner langen, dunkelbraunen Haare behutsam zur Seite schob, um ihr Streicheln mit einem sanften Kuss zu untermalen. Seine Stirnfalten glätteten sich. Totale Entspannung durchflutete seinen Körper.
"Chanel No.5!", schoss es ihm durch den Kopf.
Er kannte diesen klassischen Duft sehr genau. Den damit verbundenen Erinnerungen wollte er jedoch gerade jetzt nicht folgen. Zärtlich öffnete ihre Zunge seine Lippen und suchte den Weg zu seiner ...
Mit einem dumpfen Knall landete der fast leere Flacon des Chanel No.5 auf der Mahagoniplatte seines uralten Schreibtisches, direkt neben seinem Notebook. Der Schreibtisch war ein Familienerbstück, nun verunstaltete eine tiefe Schramme das antike Stück.
"Die kannst du wiederhaben!", kommentierte Jasmin ihren Wutausbruch. "Kannst ja deinen Bildschirm damit einsprühen, vielleicht bekommst du dann noch weitere Inspirationen!"
Ihre Augen funkelten ihn wütend an. Er glaubte sogar ein ungesundes Rot unter ihrem Make-Up ausmachen zu können.
"Was ... wieso ... was ist denn los?", stammelte er. "Ich dachte, du wärst draußen bei den Hunden."
"Ach ja!?", zickte sie zurück. "Bei den Hunden? Und deswegen glaubst du, hier irgendwelchen Schweinkram schreiben zu können und ...", sie holte tief Luft, "... und ... und auch noch laut lesen zu dürfen?"
Sie beugte sich zu ihm herunter. Er konnte ihren Atem auf seinen Wangen spüren. Diese wunderbare Mischung aus Tabakduft und TicTac Minzedrops waberte in seine Nase. Wie sehr er doch diese Mischung aus jugendlicher Frische und leichter Verruchtheit liebte, rief sie in ihm doch regelmäßig erotische Fantasien ins Bewusstsein. Nur jetzt, in diesem Augenblick, war alles ganz anders. Jasmin machte ihm Angst.
"Nun, ich lese mir die Kapitel doch immer laut vor, wenn ich sie überarbeite und ich ... ich ... also ich nehme sie dann auf, um zu prüfen, ob der Lesefluss stimmt", verteidigte sich Victor.
"Schon klar, du stellst dir deine erotischen Hörbücher gleich selbst her." Sie richtete sich wieder auf. "Und diese ... diese Susan gab´s mal in deinem Leben?" Sie verengte die Augen zu einem prüfenden Blick. "Klar, logisch, was denn sonst! Ist ja deine Autobiographie. War sie nicht Engländerin?"
"Woher willst du das wissen?", forschte Victor nach. Niemand hatte sein halbfertiges Werk bisher gelesen. Wenn er sich Passagen selbst laut vorlas, wähnte er sich immer alleine.
"Tja, mein Freund, es ist nicht unbedingt eine kluge Idee, seine Geheimnisse in einer Dropbox oder Cloud zu speichern, wo ich zugreifen kann", trumpfte sie auf. "Ich hab gleich gewusst, dass du was im Schilde führst, als es um diesen Roman vor autobiographischem Hintergrund ging", hüllte sie ihre Worte in einen abfälligen Tonfall. "Da war es mir sicherer, mal mitzulesen. Wer weiß, was sonst noch alles ans Tageslicht kommt?"
Victor bließ die Wangen auf. Sollte er nun wütend werden, weil sie in seinen Dokumenten herumstöberte oder doch besser klein beigeben und nach einer schlüssigen Ausrede suchen?
"Naja, Susan war vor über zwanzig Jahren, die ist Geschichte", entschied er sich zu Letzterem.
"Das Chanel aber nicht, sonst hättest du es mir ja nicht geschenkt", ließ ihr spitzer Tonfall keinen Zweifel an ihrem Unmut. "Und wann werde ich Geschichte sein? Wenn ich dann alt und faltig bin?"
"Um Gotteswillen! Wie kommst du denn auf sowas?", rief er aus und erhob sich von seinem Schreibtischstuhl. "Unsere Liebe ist doch so einmalig, so besonders, so außergewöhnlich, da spielen körperliche Dinge überhaupt keine Rolle."
"Ahaaa! Na das ist ja besonders interessant", triumphierte sie auf, "und mit dem Chanel katapultierst du dich dann in die Vergangenheit und siehst in mir diese ... diese ... diese komische Susan. Die sah bestimmt aus wie Judith Rakers von der Tagesschau!"
Seine Augen weiteten sich in ehrlicher Ratlosigkeit. "Nein ... keineswegs!"
"Aber eines kann ich dir versichern", dominierte nun die Zornesröte ihre Wangen, "diese Susan sieht heute auch nicht mehr so aus wie damals, ganz sicher nicht."
Jasmin drehte sich zur Seite und steuerte die Türe an. "Und die Cordhose hab ich weggeworfen. Nur damit du es weißt!"
"Aber nun warte doch mal", eilte Victor seiner geliebten Jasmin hinterher.
"Worauf soll ich denn warten?", warf sie ihm zu. "Das Körperliche spielt doch keine Rolle mehr in unserer Beziehung, hast du gesagt, also dann ..."
Krachend schlug die Türe des Arbeitszimmers vor seiner Nase zu. Was hatte er nun schon wieder falsch gemacht. War schriftstellerische Freiheit in diesem Haus von nun an verboten? Okay, es gab diese Susan, aber es war doch klar, dass er auch schon vor Jasmin ein Leben hatte und nicht im Kloster meditierte. Manchmal verstand er die weibliche Logik einfach nicht, besser gesagt meistens nicht. Heute jedenfalls hatte er mal wieder alles falsch gemacht, das war klar. Diesen Satz mit dem Körperlichen hätte er besser runtergschluckt. Jetzt war es zu spät. Er ließ sich auf den Schreibtischstuhl fallen und begann über eine Wiedergutmachung nachzusinnen.
Ob das dann klappte, oder eher schief ging, erfahrt ihr in der nächsten Folge von "Victor und Jasmin - eine komplizierte Beziehung"

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen